Auf der Liste der beliebtesten Reiseziele deutscher Urlauber rangiert seit Jahrzehnten Spanien ganz oben. Aus dem magischen Dreiklang Sonne, Sand, Meer ergeben sich fast zwangsläufig gelungene Ferien. Doch nun richtet die Ausstellung »Ferien unter Franco« im Instituto Cervantes den Blick auf die Entstehungsgeschichte dieses Erfolgsrezeptes, das weitaus weniger leuchtet: Denn ein Rezept war es, von diktatorischer Hand geplant. Als der Tourismus in den 1950er, 1960er Jahren erblühte, regierte General Francisco Franco, ließ Oppositionelle mit der Garotte hinrichten, aber gleichzeitig unter dem Slogan »Spanien ist anders« Flamencoherrlichkeit und Sangria-Wahnsinn auf der Tourismus-Landkarte verankern. Mit dem aufkommenden Tourismus unterlief er, der den so blutigen, so sehr Wunden schlagenden spanischen Bürgerkrieg auch mit Hilfe des Nazi-Regimes gewann, die internationale Isolierung, gleichzeitig sicherte er sich Devisen für das industrieschwache Land.
Und die Reaktion der Gäste? Am Strand in der Sonne und mit einem preiswerten Drink in der Hand ließ sich die Realität der heimischen Bevölkerung leicht ausblenden, wenn sie überhaupt sichtbar wurde bzw. interessierte. Ja, mehr noch: angeregt durch den im Jahr 1971 erschienenen Bestsellerroman von James A. Michener »Die Kinder von Torremolinos« galt der Ort selbst als Inbegriff von freiem Leben sinnsuchender Jugendlicher (freilich aus dem Ausland). Gleichzeitig etablierten sich die Baleareninseln Ibiza und Formentera als Orte der Hippie-Chic-Bohème, Schaumbad-Disko inklusive.
Im Foyer des spanischen Kulturinstituts, um aufdeckerische Ausstellungsthemen nie verlegen, werden nun sieben Positionen deutscher Künstler*innen gezeigt, die sich diesem Topos auf die unterschiedlichste Art und Weise nähern. Ganz klassisch hat Stephanie Unruh Postkarten, Briefe, Notizen und alte Fotos unter gläserne Vitrinen gepackt und erzählt damit skizzenhaft von der bewegenden Geschichte der jüdischen Migration nach Mallorca in den 1930er Jahren. Ernst und Irene Heinemann flüchteten im Jahr 1933 und sollten unter Franco 1940 zurückkehren, sie brachten sich um. Der Maler Rudolf Lang, der Dichter und Anarchist Karl Otten und der Literaturkritiker Franz Blei emigrierten zwei Jahre später und lebten an der Cala Ratjada.
Christoph Otto lässt in seinem »Die Straße der Unschuld« genannten Video spanische Zeitzeugen des Franquismus (1939–1977) und deutsche Urlauber Bilder der damaligen Zeit entwerfen. Während Klaus und Inge von sandigen Straßen, dem Osborne-Stier und billigem Essen sprechen, erinnert sich beispielsweise Rosario daran, dass noch 1944 öffentliche Hinrichtungen gang und gäbe waren. Ulrike Weiss zeigt auf poetisch verblassten Schwarzweiß-Fotografien Porträts spanischer Frauen, die sie mit Spitzenmustern verbrämt hat. »Procura verte feliz«, »Tu so, als ob du glücklich wärest«, nennt sie ihre Arbeiten. Und »Convivencia Part II« von Annette Riemann und Tom Theunissen verblenden in ihren kunstvoll verfremdeten Fotos schwarzgekleidete Frauen mit den jungen langmähnigen Hippies.
Dass man ein unter einer üblen Diktatur leidendes Land nicht als Kulisse für persönliche Ferien-Freuden missbrauchen sollte, dem widerspricht ein spanischer Interviewpartner von Christoph Otto ganz sanft, indem er es anders wendet: wir brauchten den Austausch, wir brauchten die Begegnung mit neuen Ideen, befand er. Wie stets im Instituto Cervantes: Der Kopf ist zum Denken da.
Sonne unter Franco – Eine Ausstellung über Tourismus in Spanien im Instituto Cervantes