Staatstheater Wiesbaden: Stefan Pucher verpoppt Büchners »Leonce und Lena«

Keine Frage, diese Inszenierung hätte wohl noch besser zum Prunk des Großen Hauses im Hessischen Staatstheater gepasst. Dorthin, wo vor einem Jahr Büchners »Woyzeck« stattfand, die gefeierte erste Wiesbadener Inszenierung von Stefan Pucher. Jetzt kehrt der gefragte Regisseur mit seiner zweiten und zugleich nächsten Büchner-Arbeit zurück. »Leonce und Lena« eröffnet im schlichten Kleinen Haus – mit barocker Pracht.
Nina Prellers Bühne ist, wie nachzulesen, einem Kupferstich aus dem frühen 18. Jahrhundert nachempfunden – und gleichwohl für alle technischen Stilmittel offen. In ihrer Mitte wölbt sich die gestürzte Skulptur eines überdimensionalen nackten Weibes, flankiert von hohen Stelen, die mal brillant mit freskenartiger Animation bespielt werden, mal als Screens dienen, um die in einen Grunge-Rokoko-Mix gedippten Darsteller turmhoch in Szene zu setzen. Konzertmäßig, versteht sich, denn es wird reichlich gerappt und gerockt. Wer da meint, einer »Resurrection of Falco« beizuwohnen, liegt nicht ganz verkehrt, obwohl sich Pucher – davon später – eine andere Wiederauferstehung gönnt
Die Handlung des 1833 vom 22-jährigen Büchner verfassten Lustspiels könnte nicht dämlicher sein: Der von allem und allen angeödete Prinz Leonce (Lennart Preining) des Königreiches Popo verweigert sich der arrangierten Hochzeit mit einer ihm unbekannten Prinzessin aus Pipi und flieht deshalb mit seinem Lakai Valerio (Jonas Grundner-Culemann) goethegleich gen Italien. Unterwegs aber verliebt er sich todsterbens in eine nicht minder flüchtige junge Frau (und sie sich in ihn): Lena eben (berauschend: Tabea Buser), die sich am hochzeitlichen Ende zu Hofe als jene designierte Braut aus Pipi entpuppt.
Kontrastierend zur simplen Handlung fällt die schwelgerische Opulenz der Sprache in diesem Stück aus, das der Regisseur samt Jargon in eine verschnöselte Welt superreicher Teens verlegt, wie sie die Latte-Matcha-Generation aus Bling-Bling-Filmen kennt. Wirklich mitfühlen lässt sich da nicht, auch wenn die Schmacht- und Turtelszene der sich Verliebenden am weißen Klavier zum Niederknien ausfällt. Eine Ode an die Schönheitschirurgie, die das Publikum aufjauchzen lässt, wenn er Lena samt ihrem antiken Näschen »nutzlos, wie ein Kunstwerk ohne Erklärung, aber geil anzusehen« nennt und sie ihn »brutal schön, aber hohl«.
»Chic, elegant und vulgär« lautet das treffende Fazit, das – als kleines Schmankerl des Regisseurs – der Überraschungsgast der Hochzeit mit seinem Rap-Ständchen zieht: Exakt jener von Abdul Aziz Al Kayat verkörperte Woyzeck, den Pucher vor Jahresfrist im Nachbarsaal in die Freiheit entließ. Nicht mit Marie, sondern mit Leonces abservierter Gespielin Rosetta (Hannah Lindner) im Duett. Kritik von unten, wie man sie von einem Woyzeck erwarten würde, ist das hier nicht. Pucher lässt den satirischen Impuls zwar nicht fallen, doch bleibt er eher Beiwerk als Antrieb des Abends. Was der senile König Peter – eine Macht auch hier: Christian Klischat – im direkten Dialog mit dem Publikum seinem Volk verkündet, lässt sich durchaus ins dunkle Zeitgenössische übertragen, ist aber nicht sonderlich wichtig. »Leonce und Lena« ist ganz auf Vergnügen aus. Und als solches perfekt.

Winnie Geipert / Foto: © Lukas Anton
Termine: 1., 11., 27. März, jeweils 19.30 Uhr, 8. März 16 Uhr
www.schauspiel-wiesbaden.de

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