»Unter Druck – politische Plakate 1918–1933« im Museum Wiesbaden

»Wenn Krieg erklärt wird, ist Wahrheit das erste Opfer«. Dieses Statement von Lord Arthur Ponsonby aus dem Jahr 1928 ist so ungefähr das Prägendste, was in diesem Zusammenhang je formuliert worden ist, und dieses Motto – zu sehen an einer der Wände in der Studio-Ausstellung »Unter Druck – Politische Plakate 1918-1933« im Museum Wiesbaden, formuliert auch ihr Konzept. Die Kriege, die derzeit geführt werden, bezeugen dies; und die 80 Plakate, die hier ausgestellt sind tun dies mit jeder Farblithografie, mit jeder Gouache, mit jedem Offsetdruck auf äußerst eindrucksvolle Weise auch. Sie sind ideelle, künstlerische Manifestationen einer Zwischenzeit, die von einem Krieg in einen weiteren führte, und der Kurator Peter Forster hält den gegenwärtigen Zeitpunkt einer solchen Schau für völlig konsequent, »denn in Zeiten wie diesen ist der Bildungsauftrag noch stärker zu schärfen«.
Von einem Krieg in den anderen, das umriss eine unglaubliche Epoche, die aufrührerische, aufwühlende, anarchische, später gemeuchelte Weimarer Republik, in der nicht nur eine neue Gesellschaftsordnung geschaffen, ein Wertekanon formuliert sondern auch Kriegssoldaten in Bürgerwehren und Freicorps organisiert werden mussten. Die politische Plakatkunst war zudem ein völlig neues Feld. Das Kaiserreich hatte eine solche Propaganda stets verboten, üblich war sie z.B. in Frankreich oder Großbritannien. Aber die Weimarer Republik läutete die Blütezeit dieser Kunst für alle ein, die plötzlich an Hauswänden, Litfaßsäulen, Bauzäunen oder auch auf den Schildern der »Sandwichmen« zu sehen war. Wie sie sich aus dem Jugendstil entwickelte, der für Werbeplakate einen künstlerischen Formenkanon bot, ist ein absolut rasanter und hier nachzuvollziehender Prozess.
Die blutrote Bulldogge auf schwarzem Grund, DAS Symbol des »Simplicissimus« für die Erich Kästner, Frank Wedekind und Kurt Tucholsky schrieben, leitet über in drei Kabinette voller »Kunst für die Straße« und ihren politischen Aussagen. Unterteilt in Information, Manipulation und Provokation spiegeln sie die Wirrnisse jener Zeit: Das strauchelnde Deutschland wird 1917 aufgefordert, Kriegsanleihen zu zeichnen und für Kriegsgefangene und Zivilgefangene zu spenden (Ludwig Hohlwein, Fritz Erler, Lucien Bernhard). Das sinnfälligste Motiv liefert Walter Georgi mit einer blonden madonnenhaften Mutter, die von einem starken Mann beschützt wird. Von dem damals herrschenden Elend keine Spur, von seelischen Verwüstungen ebenfalls nicht. Forster erinnert an die Gemälde von George Grosz, die in derselben zeitlichen Periode gesellschaftlichen Zerfall nachzeichneten.
Doch berühmte Maler wie Max Pechstein entwarfen auch Plakatkunst, beispielsweise für die Sozialdemokraten: »Erwürgt nicht die junge Freiheit durch Unordnung und Brudermord« zeigt einen wütenden kleinen Jungen, der eine rote Fahne umarmt, und ist zu sehen im zweiten Raum, der sich mit der unmittelbaren Nachkriegszeit beschäftigt. Der Partei war daran gelegen, expressionistische Künstler für ihre visuelle Kommunikation zu gewinnen, doch deren Formensprache verließ die im wahrsten Sinne des Wortes plakative Forderung zur schlaglichthaften Verdichtung und wurde bald aufgegeben. Heroische, scharf gezeichnete Figuren in neongrellen Farben, die keinerlei Interpretation bedurften, zogen wesentlich mehr Blicke auf sich – und das sollten sie auch, wollten sie doch zur Wahl zur Nationalversammlung aufrufen. In diesem Zusammenhang ist auch ein sehr schöner Aufruf von Ludwig Kainer zu sehen: »Mädchen und Frauen heraus aus der Finsternis«, heiter, freundlich, unmartialisch.
Krasse Aussagen waren nun mal das Futter der damaligen Propaganda, und von geschändeten Frauen, zerschlagenden Fäusten, muskulösen Arbeitern und schmutzverkrusteten Slawengesichtern kann sich hier niemand retten. Und das ist klar: Dem Museum geht es darum, Mechanismen der Manipulation aufzuzeigen, wie rassistisch und sexistisch sie auch sein mögen. Und das tut es tatsächlich genau zur richtigen Zeit.

Susanne Asal
Foto: Alexander Maria Cay: Deutsche Volkspartei, 1920, Sammlung Maximilian Karagöz, © Museum Wiesbaden⁄Dirk Uebele
Bis 9. August: Di., Mi., Fr., Sa., So., 10–17 Uhr; Do., 10–21 Uhr.
Eine zweite Ausstellung mit Plakaten aus der Zeit nach 1945 bis zur Wiedervereinigung wird im Hessischen Landtag (18.3.–12.4.) zu sehen sein.
www.museum-wiesbaden.de

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