Ist ein zerfließender Teppich an sich schon Protest?
Wenn man denkt, das sei keine spannende Frage, sollte sich im Museum für Angewandte Kunst einmal ansehen, wer einen solchen zerfließenden Teppich zeigt, es ist nämlich Faig Ahmed aus Ascherbeidschan. Das Werk hat er im Jahr 2020 geschaffen. An die Wand kann man »Doubts?« nicht hängen, auf den Fußboden auch nicht legen, ja wohin denn damit, es fließt einfach von der Wand auf den Boden, ist im oberen Bereich eine wunderschöne Arbeit im Stil westanatolischer Medaillon-Uschaks und damit ein typischer Vertreter osmanischer Hofkunst. Wunderschön satt rot sind die Farben und wie kostbare Kleinode die Ornamente. Doch das Muster löst sich auf, die Farben bilden Flüsse, verbinden sich ineinander, sind jetzt nur noch reine Farbe. Die festgefügte alte Herrschertradition, die sich auch in dekorativen Elementen selbst feierte, schwindet, das Neue ist erst einmal Unordnung. In seiner zweiten Arbeit »Virgin« (2016) – ähnlich spektakulär blickfesselnd – stellt der Künstler aus Baku die alte Tradition in den Mittelpunkt, dass Mädchen für ihre Hochzeit Aussteuer weben. Auch hier ist der Anfang ein ornamental dekoratives Teppichmuster, das sich im weiteren Verlauf in blutroten Wollfäden bauscht.
Es ist jetzt nicht ganz neu, in Teppichen mehr zu erblicken als ein bodenwärmendes Heimtextil, sondern darin auch einen politisches Botschaftsträger zu sehen. Auf Teppichen und Wandbehängen wurden in Blütezeiten kolonialen Eroberung meterlange Schlachtengetümmel hineingewebt, zu sehen beispielsweise im Alcázar von Sevilla. Aber worauf sich diese Ausstellung natürlich bezieht, sind die Arbeiten der schwedisch-norwegischen Künstlerin Hannah Ryggen, die im norwegischen Pavillon anlässlich der internationalen Weltausstellung im Jahr 1937 mit »Etiopia« die italienischen Massaker an der Bevölkerung des afrikanischen Landes thematisierte, während zugleich Pablo Picasso sein Gemälde »Guernica« im spanischen Pavillon zeigte. Von dieser Brisanz, von dieser Heftigkeit möchte diese Schau nun auch künden. Und die Themen sind auch heftig. Krieg, Umweltzerstörung, persönliche Traumata, das Hinterfragen von patriarchalen Mustern.
Das spielerische Element, auch das Farbenschöne, die ironische Brechung stehen der Aussage nicht im Wege, im Gegenteil, sie verstärken sie wie bei den Teppichen von Johannah Herr. Vier von ihnen, die American War Rugs (2022), liegen so bunt und niedlich auf dem Boden, bis der zweite Blick offenbart, worum es hier eigentlich geht: um verschmutztes und verseuchtes Wasser im Bundesstaat Michigan z.B., das die Umweltschutzbehörde EPA jahrelang ignoriert hatte. In einem zweiten American War Rug wird der Mord an Patrice Lumumba thematisiert, und die Verwicklung der CIA in die Vergiftungspläne des gerade erst gewählten Symbols der afrikanischen Unabhängigkeit. Man kann in diesen mit Symbolen übersäten buntstiftbunten Teppichen lesen wie in einem Buch.
Nicht ganz so einfach macht es uns die Mexikanerin Noelle Mason mit ihren Arbeiten »Ground Control« (2014 und 2019), welche die höchst konfliktbeladene Grenze zwischen den USA und Mexiko bei El Paso/Ciudad Juárez mit Hilfe eines digitalen Satellitenbildes in ein handgefertigtes Bildgewebe übersetzt hat. Zur traurigen Berühmtheit gelangte Ciudad Juárez durch die bis heute ungelösten Frauenmorde. Täglich versuchen Menschen, die Grenze dort zu überwinden. Auch Brownsville/Matamoros spiegelt die furchtbare Situation von Migranten, die, nachdem unter der Regentschaft von Trump die legalen Schutzprogramme beendet wurden, in Aufnahmelager festgehalten werden sollen. Die im Taller Mexicano de Gobelinos in Guadalajara geschaffenen Teppiche erzählen in ihrer sanften Farbigkeit von sehr grausamen Geschichten.
Flüchtenden widmet sich Jan Kath immer wieder, und sei es so kunstvoll wie in seiner »Group of People Walking« (2022), die mit Rucksack und Habseligkeiten bepackten dunklen Silhouetten vor dem Untergrund eines goldfarbenen, reich gemusterten persischen Teppichs zeigen. Die verfremdeten Tierdarstellungen des Untergrunds sprechen von der Gefährlichkeit ihrer Flucht. Auch der Südafrikaner William Kentridge nutzt den Teppich zur explizit politischen Aussage. Seine »Carte Hypsométrique de l’Empire Russe« basiert auf einer Collage aus dem Jahr 2020 und zeigt ein mit Menschen völlig überladenes schwarzes Boot vor dem Hintergrund einer Landkarte aus der Kolonialzeit. Auch die Machart dieser Karte mit einem springenden Fisch entspricht exakt dieser Epoche. Wunderbar eindeutig: Kentridge setzt die kolonialzeitliche Aufteilung Afrikas in Verbindung zu den Flüchtlingsbewegungen heute. Das Stephens Tapestry Studio in Johannesburg hat diesen voluminösen Wandteppich aus Mohair gewebt.
Den Parcours eröffnet spektakulär Tsherin Sherpa aus Nepal mit einem meterlangen schmalen Teppich, der von der Wand auf den Boden fließt und auf hellem Grund einen zähnefletschenden bunten Drachen zeigt. Ein Symbol für die Tradition der tibetischen Teppichknüpfkunst ist dies, ein Erinnern an die nach Nepal geflüchteten Tibeter.
Und zum guten Schluss kann sich der Gast ganz einfach mal auf einen Teppich legen und zwar auf Alexandra Kehayoglous »Paraná de las Palmas River« (2021), der die beiden Ufer des argentinischen Flussdeltas darstellt: die üppige grüne Natur auf der einen, und die durch Rodungen verheerte Landschaft auf der anderen Flussseite. Unbelehrt bleibt hier keiner! Und das ist ein starkes Statement.
