»Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger« von Maryam Touzani

In dieser Tragikomödie, dem marokkanischen Betrag für den Auslandsoscar 2026, glänzt der spanische Altstar Carmen Maura als gewitzte Seniorin, die sich nicht aus ihrer Wohnung in der marokkanischen Küstenstadt Tanger vertreiben lässt.

Die Sonne scheint, der Bäcker grüßt, und im Café wird sie geduzt. Wenn María Ángeles durch ihr Biotop, eine belebte Gasse im spanischen Viertel der marokkanischen Stadt Tanger, spaziert, wirkt sie wie der glücklichste Mensch der Welt. Sorgfältig frisiert und bunt gekleidet, fühlt sich die gepflegte alte Dame in dem Gewusel so wohl wie ein Fisch im Wasser. Vom mit Geranien geschmückten Balkon ihrer Wohnung aus genießt sie den Blick über ihr Reich. Das Panorama, von der weißen Medina bis zum Meer, ist überwältigend. Fast kann man die salzige Luft riechen. So macht alt werden Spaß! Ausgerechnet ihre Tochter aber will María aus diesem Paradies vertreiben. Clara, nach langer Zeit aus Madrid zu Besuch, bringt ihrer verwitweten Mutter eine Hiobsbotschaft mit. Die gestresste Krankenschwester, geschieden und mit zwei Kindern, ist in Geldnot. Deshalb will sie die Wohnung, die der Vater ihr einst überschrieben hatte und in der María seit Jahrzehnten lebt, verkaufen. María soll zu ihr nach Madrid ziehen – oder ins spanische Altersheim in Tanger. Die todunglückliche María wählt das Altersheim. Und flieht bald vor der übergriffigen Fürsorge der Betreuer, um heimlich in ihre Straße zurückzukehren. Doch die zum Verkauf stehende Wohnung ist leergeräumt und das Geld alle. María, aus Not erfinderisch, beginnt mit halblegalen Aktivitäten. Sie stürzt sich sogar, Falten hin oder her, in eine neue Liebe.
In idyllischen Bildern feiert Regisseurin Maryam Touzani, selbst in Tanger aufgewachsen, den speziellen Charme der Küstenstadt. Tanger, Kreuzung zwischen Atlantik und Mittelmeer, Orient und Okzident, ist nicht nur seit einem Jahrhundert ein Sehnsuchtsort von Künstlern. Das einstige spanische Protektorat war, so erfahren wir in dieser Tragikomödie, zudem die Heimat vieler vor Diktator Franco geflüchteter Spanier.
Grenzt manche pittoreske Szene auch an Kitsch, so passt die pulsierende Atmosphäre doch wie die Faust aufs Auge zur Heldin, gespielt von der 80-jährigen Carmen Maura. Die langjährige Muse von Pedro Almodóvar verkörpert eine so unwiderstehlich lebendige Stehauffrau wie einst in dessen schrägen Komödien: voller Power, sehr feminin, und schlitzohrig. Ihr Porträt einer Frau, die aus ihrer Komfortzone gerissen wird und einen zweiten Frühling erlebt, wird unterstrichen durch die sinnliche Veranschaulichung ihres Lebensumfeldes. Wie in Touzanis Vorgängerfilm »Das Blau des Kaftans«, in dem ein traditionsreiches Schneiderhandwerk vorgeführt wird, ist auch dieser Film auf unaufdringliche Weise sinnesfroh. Er zeigt neben Selbstfürsorge die Freude an kleinen Dingen, an Berührung, an intimer Häuslichkeit. Marías Weigerung, zu verkümmern, drückt sich auch darin aus, dass sie sich in jeder Lage die Nägel macht.
So märchenhaft dieses Feelgood-Drama daherkommt, so ist es doch tief melancholisch. Wie lebt es sich in einem Alter, in die man die meisten seiner Lieben nur auf dem Friedhof besuchen kann? Wie wahrt man seine Autonomie? Diese Fragen blieben letztlich offen. Dennoch ein sympathisches Plädoyer dafür, die Gegenwart zu genießen, statt sich um die Zukunft zu sorgen.

Birgit Roschy / Foto: © Pandora Film
>>> TRAILER
Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger
von Maryam Touzani, F/E/D/B/MA 2025, 116 Min., mit Carmen Maura, Marta Etura, María Alfonsa Rosso, Ahmed Boulane
Drama
Start: 26.03.2026

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