»Das Beste liegt noch vor uns« von Nanni Moretti

Ein alt gewordener Regisseur will es noch einmal wissen. Er dreht einen Film über das Jahr 1956, in dem sowjetische Truppen den Aufstand in Ungarn niedergeschlagen haben. Ein hochpolitisches Thema, obendrein mit einem aktuellen Bezug, wenn man für die Sowjetunion deren Kern Russland einsetzt. Doch der Regisseur will einen Liebesfilm drehen, während er mit seiner Ehefrau ernste Probleme bekommt – wie seinerzeit die Kommunistische Partei Italiens mit dem sowjetischen Vorbild.

Nanni Moretti, der eben jenen Regisseur spielt, ist Italiener und Kommunist. Eine Kombination, die heutzutage recht seltsam erscheint. Immerhin war die KPI eine Kaderpartei, in der die Mitglieder gefälligst zu warten hatten, was sie zur gewaltsamen Niederschlagung der antikommunistischen Revolte in Ungarn sagen sollten. Etwas schwierig für die temperamentvollen, in der Regel sehr mitmenschlich empfindenden Italiener.
Diesen Widerspruch hat die KPI im Grunde erst mit ihrer Abkehr vom Kommunismus auflösen können. Für den überzeugten Individualisten Moretti ist die Politik der italienischen Linken bis heute ein Ärgernis, und so sollte man auch sein neues Werk als einen Versuch ansehen, seinem politischen Zwiespalt einen filmischen Ausdruck zu verleihen.
Darin geht es dementsprechend ungeordnet zu. Moretti heißt im Film Giovanni, besitzt also seinen kompletten Vornamen. Die wunderbare Margherita Buy, seine Lieblingsschauspielerin, ist Paola, die Frau an Giovannis Seite, die von den Kapriolen ihres Mannes die Nase voll hat und sich von ihm trennen will. Sie produziert erfolgreich knallharte Actionfilme, deren Dreharbeiten Giovanni unterbricht, als er sieht, wie eine Figur erschossen werden soll. Das darf in einem Film nicht gezeigt werden, doziert er und versucht, Martin Scorsese anzurufen, um dessen Meinung zu Gewaltdarstellungen zu erfahren.
Giovannis eigener Dreh steckt derweil voller Schwierigkeiten. Der Film soll zeigen, wie der Zirkus Budavari als ein Stück Ungarn zu einem Gastspiel nach Rom gekommen ist. Die Zirkusleute solidarisieren sich sofort mit den daheimgebliebenen Aufständischen, und die Italiener, die ihre ungarischen »Genossen« bei deren Ankunft freudig begrüßt hatten, haben erst einmal die Partei-Order, sich zurückzuhalten.
Zudem reflektiert der kinobesessene Moretti die gesellschaftlichen Veränderungen zu den Zeiten, als seine Meisterwerke »Liebes Tagebuch – Caro diario« (1993) und »Das Zimmer meines Sohnes – La stanza del figlio« (2001) entstanden sind. Ob das Thema KPI und Ungarn heute noch jemanden interessiere, fragt der polnische Botschafter (Jerzy Stuhr). Und die um Finanzierung angefragten Vertreter von Netflix (um Himmels willen!) betonen mehrmals, dass sie Programm-Material für 190 Länder benötigen.
Altmännerphantasie blitzt zweifach bei Tändeleien eines Senioren mit einer jungen Frau auf, die seine Enkelin sein könnte. Doch ist die Erotik, die zu einem Liebesfilm gehören würde, bei Moretti keiner Rede wert. Da erinnert »Das Beste liegt noch vor uns« nicht an Fellinis »8½«, einen der Höhepunkte des italienischen Kinos. Dennoch haben Marcello Mastroianni als Regisseur in der Krise und Fellinis Zirkusartisten Pate gestanden. Aber zwischen diesen beiden Filmen ist noch mehr Zeit vergangen, und für Moretti ist es unmöglich geworden, Fellinis Prägnanz zu erreichen.
Am Ende wird mit lachendem Gesicht für einen humanen Sozialismus demonstriert. Es scheint seine Hoffnung zu sein, die Moretti da inszeniert hat. Allerdings ist bisher aus vermeintlich guten Vorsätzen immer eine brutale Diktatur entstanden. Aller Erfahrung nach wirft die Sonne der Zukunft – so der Originaltitel »Il sol dell’avvenire« – stets den Schatten der Vergangenheit auf das Geschehen.

Claus Wecker / Foto: © Prokino
>>> TRAILER
Das Beste liegt noch vor uns
(Il sol dell`avvenire)
von Nanni Moretti, I/F 2023, 95 Min.
mit Nanni Moretti, Margherita Buy, Silvio Orlando, Barbora Bobulova, Mathieu Amalric, Jerzy Stuhr
Tragikomöidie
Start: 12.02.2026

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