Knapp achtzig Minuten dauert die Aufführung, aber Stoff für den Kopf liefert sie mindestens für einen halben Tag, Vexierspiele inklusive.
Nimmt man nur die Kernfrage, um die herum sich das Stück entfaltet: Um sie zu verbrennen, vertraute Franz Kafka seinem Intimus Max Brod etliche Texte an, wie wir nach dem zwei Jahre zurückliegendem und frenetisch begangenem Einhundertjahr-Todestag des Autors bereits alle wissen, und sofort löst sich eine ganze Assoziationskette: Bücherverbrennung, Drittes Reich, Autor sowie Regisseur sind zwei Juden, wie der Schauspieler Isaak Dentler später ins Publikum raunen wird, sind wir wieder so weit, und die Lawinensteine stürzen ins Bodenlose. Wo sie die Schauspieler*innen übrigens eifrig wieder aufsammeln.
Und das ist der überraschende Witz dieser Stückkonstruktion, die ihr Flüchtiges, Improvisiertes nie gänzlich abstreift: Der etwas farblose Torsten Flassig als Max Brod fläzt vorm flammenden Kamin, bedächtig streicht er über einzelne Seiten, kontempliert, ob er sie dem Feuer überantworten soll, da erwachen plötzlich Kafkas Figuren zum Leben. Josefine (die fabelhafte Anabel Möbius) reißt als veritables Toulouse-Lautrec-Sumpfgewächs ordinär sofort die Szene an sich und stellt die Berechtigung dieses mickrigen Würstchens am Kamin in Frage, ihre Figur, ja ihre lebendige Person, wie man sieht, dem Flammentod zu überantworten. Da öffnet sich die Vorderbühne und gibt eine wahre Zirkuskuppel (Bühne: Marlene Lockemann) frei, in der der ebenfalls fabelhafte Mitja Over wie der junge Siegfried persönlich auf der Trapezstange thront und sich weigert, aus seinem Künstlerhimmel herabzusteigen, so dass der ganze Zirkus nicht weiterreisen kann, was die Existenz eines jeden Wanderzirkus und ihrer sämtlichen Mitwirkenden ist, ja sein Sinn überhaupt. Das wird dann auch gleich am Schicksal des Hungerkünstlers – hier Hungerkünstlerin – durchexerziert, die ebenfalls von ihrer Kunst, des Hungerns nämlich, nicht lassen will, so dass hier ganz klar die Rechnung Kunst versus Kommerz aufgemacht wird. Nach vierzig (biblischen, möchte man anschließen) (Hunger-)Tagen nämlich erlischt das Interesse des Publikums an derlei Darbietungen, kalkuliert der Zirkusdirektor. Kein Geld ist mehr damit zu machen. Das ist den Künstlern, in dem Fall auch der Künstlerin, herzlich egal, Kunst ist Kunst, gerade in seiner radikal provozierenden Form! Doch da liefert der Bauchredner (der ebenfalls fabelhafte Isaak Dentler) eine so schrille, grausame, unerbittliche Performance mit der »Kleinen Frau« ab, dass einem das Lachen mehr als im Hals stecken bleibt. Was war das, was er da mit dem grüngesichtigen Puppenwesen mit den Edvard-Munch-Schreckensaugen angestellt hat? Die Eingeweide herausgerissen, oder doch eher das unendliche Band, das ihn an sie knüpft? Das aber, wie es so ist, unendlich ist. Er kommt halt nie ans Ende. Da nun wird es Max Brod alias Torsten Flassig zuviel. Das ist Überschreitung in die reale(?) Welt. ER als Nachlassverwalter von Texten kommt überhaupt nicht mehr vor, da muss ER intervenieren.
Zunächst scheint es, als ob die Figuren sich und ihren Erschaffer vor dem Verbrennen retten wollen, doch es kommt ganz anders. Die Bitte des Kafka’schen Panoptikums inklusive des in die Szene trottelnden Affen ist eindeutig: bitte verschont uns endlich mit all diesen bescheuerten aufgeblasenen Deutungen, die uns die so genannte Zivilisation um die Ohren haut, da verbrennt uns lieber, wenn ihr uns nicht das sein lassen könnt, was wir sind. Kunst nämlich. Kafka.
Dieser Teil – eine Szenencollage mit einmontierten Originaltexten Kafkas – ist schlussendlich etwas länglich geraten, aber wird im zweiten Teil in einem inszenierten Publikumsgespräch noch einmal aufs Gründlichste konterkariert. Die bereits mit einer Gorilla-Fellweste angetane Dramaturgin (erneut Anabel Möbius) bemüht sich erschreckend nervös um launige Moderation, die ihr angesichts eines schamlos völlig von sich selbst und seinen Plattitüden überzeugten Übersetzers (auch fabelhaft: Andreas Vögler) reichlich schief gerät, und als dann alle weiteren Teilnehmer ihre nur in Rudimenten vorhandene Intellektualität feigenblatthaft als überlacktes Nichts in immergleichen Formeln präsentieren, ist nun endgültig Schluss mit lustig. Auftritt Affe: Anabel Möbius wird im Affenkostüm – jetzt vollständig – einen so eindringlichen »Bericht für eine Akademie« abliefern, dass es bei jedem angekommen sein müsste: Lest Kafka, lest diese Kunst. Wenn Zivilisation nur dieses bescheuerte Blablabla, wenn Zivilisation nur dieses Affentheater hervorgebracht hat, dann lieber: Zurück in den Käfig.
Das Kammerspiel Frankfurt zeigt »Zirkus Kafka« von Roy Chen