Der Deutsche Presserat missbilligt, wie die »Frankfurter Rundschau« ihre eigene Geschichte darstellt und sie bis heute nicht gründlich selbst recherchiert

Sie wollten es aussitzen. Einfach nicht beachten. Meine Anfragen nicht beantworten. Meine Recherchen nicht zur Kenntnis nehmen. taub und stumm stellen. Die Sache durch Nichtbefassung erledigen lassen. Das, was man in Psychologie und Politik- und Geschichtswissenschaft Verdrängung nennt. Das, was wir Deutschen nach der Nazizeit nun wirklich gründlich kennen. Und anscheinend immer noch können. Warum sollte das bei der »Frankfurter Rundschau« anders sein? Warum sollte ausgerechnet eine Zeitung mit Aufklärer-Mythos zwar spät, aber ehrlich ihre eigene Geschichtsschreibung korrigieren? Nur weil es immer noch FR-Leserinnen und Leser gibt, die diese Zeitung für gut halten?
Nun, diese Zeitung, die so gerne von Qualitätsjournalismus redet, hat im Jahr 2025 in einem zentralen Marken-Kern versagt –¬ jetzt für alle sichtbar durch eine vom Deutschen Presserat ausgesprochene Missbilligung. Diese Zeitung hat sich dem, was richtig ist, verweigert. Sie hat sich wider besseres Wissen über ihren 80. Geburtstag hinweg an der alten, fundamental irreführenden Verlagslegende festgeklammert, die bei dieser Zeitung schon so lange gepflegt wird, dass die Heutigen sie für die Wahrheit halten. Diese Zeitung hat, jetzt vom Presserat offiziell missbilligt fundamental gegen Ziffer 2 des Pressekodexes verstoßen, dem sich auch die »Frankfurter Rundschau« verpflichtet hat. Vornehm gesagt, hat sie über Jahre unvollständig berichtet und dabei ihre Leser zum wiederholten Mal in die Irre geführt. Sie hat dabei gegen die journalistische Sorgfaltspflicht und das Wahrheitsgebot verstoßen (Ziffer 2, Pressekodex).

Und sie tut es weiterhin. »Derzeit ist kein neuer Bericht über neue Erkenntnisse geplant, auch keine Zusammenarbeit mit Alf Mayer«, schrieb die scheidende Chefredakteurin der »Frankfurter Rundschau«, Karin Dalka, noch jetzt am 1. Dezember 2025 an Dr. Ann Anders. Die Lektorin und Übersetzerin, einst für die Grünen im Stadtparlament und deren kulturpolitische Sprecherin, versucht seit dem Tod ihres Vaters im Februar 1977 – also seit über 25 Jahren – die FR endlich zu einer fundamentalen Korrektur der eigenen Geschichtsschreibung zu bewegen. Bis heute wird sie von deren Redakteurs-Männerriege als etwas hysterische Tochter abgetan. Noch jetzt am 14. August 2025 wurde Ann Anders vom Vorstand der Gerold-Stiftung belehrt, »eine Hilfestellung zur Befriedigung Ihrer persönlichen Empfindlichkeiten bezüglich Würdigung Ihres sicherlich verdienstvollen Vaters als ehemaligen Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau« falle nicht unter den Stiftungszweck.

Nun, dieser »ehemalige Mitarbeiter« – verächtlicher kann man ehemaliges Personal kaum bezeichnen – war, wie ich mit über 500 Dokumenten in meinen Recherchen belegbar nachgewiesen habe, der wichtigste »Rundschau«-Verleger der 50er Jahre. Er war es, der 1954 die FR durch einen an ihn persönlich geketteten langfristigen Kredit der BfG Bank (also des Finanzinstituts der Gewerkschaften und der SPD) vor der Insolvenz bewahrte. Er war es, der den Druckbetrieb der FR sanierte, zum profitablen Kern des Verlages und damit der ökonomischen Unabhängigkeit der Zeitung machte, während sein Mitverleger Karl Gerold, alkoholkrank und immer wieder auf Entzug ganze Monate in Kliniken verbrachte – und bei den deutschen Banken nicht mehr kreditwürdig war.

Trotzdem macht die FR-Legendenbildung seit Jahrzehnten diese eher bedauernswerte und freundlich gesagt, äußert widersprüchliche Figur zum hauseigenen Säulenheiligen, schreibt ihm allein alle Erfolge der Zeitung zu. In der Stadt der Psychoanalyse könnte man auch sagen, die angeblich anti-autoritäre »Rundschau« hat ein Übervater-Problem, die Verlagslegende phantasiert sich einen »Gründer« zurecht, den es so nie gab. Bis heute ist es dieser Zeitung unmöglich, von dieser infantilen Phantasie abzunabeln und sich von einer Führer-Legende zu emanzipieren. Über die Jahre erschienen zum Jubiläumsanlass immer wieder Artikel wie »Karl Gerold legte das Fundament der Rundschau« und ähnliche. Das perpetuierte sich schon so lange selbst, dass heutige Redakteure es unbesehen glauben. Und die Sorgfaltspflicht zu eigener Recherche missachten. Bei einer Internetsuche sagt die KI: »Karl Gerold war eine Schlüsselfigur für die Unabhängigkeit der Frankfurter Rundschau…«

Nun, es gibt noch ein paar Menschen, die es buchstäblich »Anders« wissen. Da ist die Tochter Ann, die als kleines Mädchen im Rundschau-Haus ein und ausging und auf den großen Papierfahnen der Bürstenabzüge malen durfte, dabei alles über Andruck und Druckfachbegriffe lernte. Da bin ich, der den alten Karl Anders in den 1980ern und 1990 oft sprechen konnte und seine wahrlich pralle Lebensgeschichte ¬– vieles war ihm gar nicht mehr wichtig – stückweise zusammensetzte. Auch bei mir kam seine »Rundschau«-Zeit immer ganz selbstverständlich vor.

Und dann gibt es so einen Mann einfach nicht mehr? Dann ist so jemand bei einer Zeitung ausgelöscht? Bei Journalisten? Wie geht das? Wie kann das sein?

2020/21, vor fünf Jahren, als die »Frankfurter Rundschau« ihren 75. Geburtstag feierte, hatte Ann Anders genug und beschwerte sich. Der mir vorliegende E-Mailwechsel Mails mit den »Rundschau«-Verantwortlichen ist etliche Meter lang. Man werde ihren Informationen nachgehen und sie bei der nächsten Gelegenheit/ beim nächsten Jubiläum berücksichtigen, wurde ihr damals versprochen. Spätestens seit dem 75. der Zeitung wusste man bei der FR definitiv, dass es ein Vergangenheitsproblem gibt. Damals war Thomas Kaspar Chefredakteur. Im Ippen-Konzern, dem die »Rundschau« jetzt gehört, ist er inzwischen aufgestiegen. Auch dort kann niemand sagen, dass man nichts vom Vergangenheitsproblem in Frankfurt wisse. Und auch bei Ippen redet man gern von »Qualitätsjournalismus«. Recherche, was die eigene Zeitungsvergangenheit angeht, scheint nicht dazu zu gehören.

Dann wurde es 2025. Am 1. August feierte die »Rundschau« ihren 80. Gründungstag. Im Vorfeld erschien das Buch »Zeitung im Kampf. Jahre Frankfurter Rundschau« des langjährigen FR-Lokalredakteurs Claus-Jürgen Göpfert, der sich mit »Zeitzeugen«-Abenden im Club Voltaire und anderswo zu einer Art Stadthistoriker aufgeschwungen hat, sich sogar an eine Biografie des Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann wagte. In seinem »Rundschau«-Buch, das ich mir vorab besorgte: wieder keinerlei Erwähnung von Karl Anders. Keine einzige Silbe. Zusammen mit Ann Anders ging ich zur Buchpräsentation im »Haus am Dom«. Nach zwei Stunden Selbstfeier des »Historikers« Göpfert durfte das Publikum Fragen stellen. Ann Anders und ich meldeten uns, intervenierten, wiesen auf die erheblichen Fehlstellen hin. Göpfert meinte, bei einem so großen Unternehmen wie der »Rundschau« und so vielen Mitarbeitern und Journalisten könnten halt nicht alle berücksichtigt werden. »Da kann schon mal jemand hinunterfallen«, befand er burschikos. »Auch ein Verleger?«, warf ich ein.

Göpfert hatte für sein Buch 30 Zeitzeugen interviewt. Nicht jedoch Ann Anders, obwohl er als Lokaljournalist die Stadtverordnete der Grünen im Römer durchaus kannte, ihre Telefonnummer hatte und im Mailverkehr von 2020/21 einkopiert war – also wissen konnte (und als »Historiker« eigentlich musste), dass es bei der Geschichtsschreibung der FR erhebliche Fehlstellen gab. Bei seiner Buchvorstellung bot ich öffentlich an, die Wissenslücke Karl Anders zu schließen und gern ein Porträt jeder gewünschten Länge zu schreiben. Ich gab Göpfert meine Visitenkarte, versuchte auch mit der anwesenden Chefredakteurin Karin Dalka ins Gespräch zu komme. Sie aber signalisierte körpersprachlich heftiges Desinteresse, wies mich ab.
Im Nachfeld der Buchpremiere meldete sich als einzige FR-Reaktion der ehemalige »Rundschau«-Chefredakteur Wolfgang Storz bei mir. Auch er fand das Göpfert-Buch sehr mangelbehaftet. (Da wusste ich noch nicht, dass Göpfert es fertiggebracht hatte, seine Hilmar-Hoffmann-Biografie ohne jedes Interview oder Rückfrage mit Hans-Jürgen Hellwig zu schreiben, dem langjährigen kulturpolitischen Sprecher der CDU und wichtigsten Geld- und Mehrheiten-Besorger des Kulturdezernenten.) Wolfgang Storz intervenierte mit mir und Ann Anders zusammen bei der FR-Chefredaktion, weil das Göpfert-Buch nicht nur optisch wie die offizielle Zeitungs-Chronik zum 80. Jubiläum auftrat. Die FR-Chefredaktion distanzierte sich überraschend schnell von dem Buch. (Da wusste ich noch nicht, dass so gut wie alle noch lebenden ehemaligen Chefredakteure sich über das Göpfert-Buch beschwert hatten.) Immerhin wurde es so nicht – wie eigentlich geplant – zur offiziellen Jubiläumspublikation. Göpfert erhielt beim großen Jubiläumsfest der FR, vollmundig als »Tag der Demokratie« betitelt, keine große Bühne, durfte aber innerhalb des Programms Stadtteil-Führungen an FR-Orte machen.

Zur Jubiläumsausgabe am 1. August erschien die FR erneut ohne jede Erwähnung von Karl Anders und mit der falschen Behauptung: »Von 1954 an war Gerold alleiniger Verleger, Herausgeber und Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und blieb das bis zu seinem Tod 1973.« Auch die dann im September erschienene Jubiläumsbeilage fand trotz beträchtlichen Umfangs keinerlei Platz, die Rolle von Karl Anders in der Geschichte der Zeitung korrekt wiederzugeben.

Daraufhin legte ich beim Presserat Beschwerde ein. Aus meiner Begründung: »Ich sehe … einen erheblichen Verstoß gegen Kodex Ziffer 2, Sorgfaltspflicht. Die FR hat, obwohl ihr seit spätestens 2020 Hinweise vorliegen, ihre eigene Zeitungsgeschichte nie selbst nachrecherchiert. Dies nicht in irgendeinem kleinen Detail, sondern in einem Zentralpunkt ihres Gründungs- und Anfangsmythos: Es habe nämlich seit 1954 einen alleinigen Verleger und Herausgeber gegeben. Das trifft nicht zu. Karl Gerold hatte einen Partner und Mitverleger, (nicht) zufällig ein Widerstandskämpfer, dem er Herausgeberanteile abtrat – und der mit einem Kredit von zwei Mio DM in den Verlag eintrat und damit die Zeitung und deren Unabhängigkeit rettete. Ohne ihn wäre die Zeitung weder 80 Jahre noch zehn Jahre alt geworden. Er wird aber hartnäckig totgeschwiegen – obwohl dies alles in öffentlichen Archiven zu recherchieren ist. Ich habe das innerhalb weniger Wochen als freier Journalist getan. Es braucht deshalb eine redaktionelle Richtigstellung an hervorgehobener Stelle, da es eine Zentralstelle der Marke ‹Frankfurter Rundschau› betrifft.«

Die Beschwerdeordnung des Deutschen Presserats sieht vor, dass die Redaktion eine Kopie der Beschwerde samt Anschrift des Beschwerdeführers erhält und aufgefordert wird, sich zu den erhobenen Vorwürfen zu äußern. »Gleichzeitig regen wir an, dass die Redaktion den Kontakt zu Ihnen suchen kann, um die Angelegenheit im beiderseitigen Einvernehmen zu lösen (vgl. § 6 Beschwerdeordnung)«, hieß es im Schreiben an mich. Nun, auf einen Kontakt der Redaktion warte ich bis heute, zum Redaktionsschluss dieser »Strandgut«-Ausgabe vergeblich.

»Derzeit ist kein neuer Bericht über neue Erkenntnisse geplant, auch keine Zusammenarbeit mit Alf Mayer«, verabschiedet sich Chefredakteurin Karin Dalka in den Ruhestand. So also geht man bei der FR mit Informationen um, die ein wenig Qualitätsjournalismus und Arbeit an Ziffer 2 Pressekodex erfordern würden.

Zu Karl Anders siehe auch bei uns:
3. Juli 2025: Claus-Jürgen Göpferts Buch zu 80 Jahre »Frankfurter Rundschau« löscht erneut einen Widerstandskämpfer aus
2. September 2025: 80 Jahre »Frankfurter Rundschau« – und ein großes Problem
26. September 2025: Warum der Widerstandskämpfer Karl Anders bei der »Frankfurter Rundschau« totgeschwiegen wird (Teil 3)
Und im Online-Magazin CulturMag, je mit vielen Dokumenten, unter anderem:
Der starke Mann war gar nicht mehr kreditwürdig
Auch du, Brutus: Wie es zur Auslöschung von Karl Anders bei der »Frankfurter Rundschau« kam

 

Alf Mayer / Foto: Karl Anders mit 80 Jahren, © privat

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