Die kleine Schwester – Tanzmainz Festival Update #5 vom 26. Februar bis 7. März

Die Kulturförderung ist in aller Munde. Nicht zuletzt jungen Künstler*innen werden durch die Kürzungen zunehmend Räume genommen, in denen sie sich ausprobieren könnten. Am Mainzer Staatstheater hat man darauf reagiert: Das Update-Tanzfestival, das jeweils die Lücke in den Jahren füllt, in denen die große Schwester pausiert, ist vom 26. Februar bis 7. März explizit dem Choreografie-Nachwuchs gewidmet. Im U17, der Kellerbühne im Kleinen Haus, sind dabei 13 verschiedene Stücke zu erleben; zudem ergänzen Workshops, Publikumsgespräche, eine Party und das Improvisationsformat tanzmainz unplugged, bei dem Mitglieder des rheinland-pfälzischen Ensembles zusammen mit dem niederländischen Musiker Marien Okkerse hautnahe Einblicke in den Prozess der Bewegungsentwicklung geben, das Programm.
Eine Ehemalige aus der hauseigenen Formation wird es auch sein, die die Tanztage eröffnet: Eliana Stragapede beeindruckte unter anderem in »Freiheit« von Guy Weizman und Roni Haver, bevor sie sich 2018 der belgischen Compagnie Peeping Tom anschloss. Jetzt kehrt sie mit »Amae No Kozo« zum wiederholten Mael zurück und schließt zusammen mit ihrem Partner Borna Babic an das ebenfalls schon in Mainz zu sehende Duett »Amae« an. Die beiden loten die Spannung aus, die sich aus dem Verlassen der eigenen Komfortzone ergibt, und die Rückzugsmöglichkeiten, die bei so einem mutigen Schritt eine gewisse Sicherheit geben.
Die französisch-schottische Tänzerin Solène Weinachter hatte mit ihrer morbiden und sehr persönlichen Performance »After All« über Beerdigungsriten schon während des Tanzfestivals Rhein-Main in Wiesbaden köstlich amüsiert. Das wird auf der anderen Seite der Landesgrenze sicher nicht anders sein. Deutsche Erstaufführungen bringen dagegen Eléonore Valère-Lachky und Adriano Bolognino für ihren gemeinsamen Doppelabend mit. Sie führte die Mainzer Zuschauer schon im vergangenen Jahr ins »Absurde« und lässt diesmal in »Descend« einen weiblichen Odysseus die Verbindung des Menschen zum Meer untersuchen. Er widmet sich in »Come Neve« dem Naturphänomen der Schneeflocke, wobei die beiden Tänzerinnen Kleider tragen, die ein neapolitanischer Häkelclub nach dem Vorbild der Kristallstruktur hergestellt hat. Mehrfach ausgezeichnet wurde bereits »Rakke« von Louis Thuriot, der ebenfalls eine Mainzer Vergangenheit aufweist. Zusammen mit seiner Mutter Patricia George geht er der Dynamik familiärer Streitigkeiten nach und verbindet dabei individuelle mit universellen Erfahrungen. Die bewegende Konfliktforschung zählt zu einem dreiteiligen Abend, an dem auch die frühere tanzmainz-Auszubildende Milica Bajcetic beteiligt ist. Furios nach oben in der Tanzwelt strebt die Französin Alizé Hernandez, die in ihrer sehr präzisen Studie »Viriles« Frauen typische Männergesten ausführen lässt. Mehrere weitere Experimente und Kostbarkeiten, auch aus Polen, Italien oder Rumänien, sind zu entdecken. Die Besuchenden sind angehalten, neugierig zu sein und sich einzulassen auf das, was die Zukunft bereithalten könnte, wenn man nur denjenigen, die sie mit viel Phantasie gestalten wollen, die Möglichkeiten dazu gibt.

Katja Sturm / Foto: »Amae No Kozo«, © Davide Belotti
www.staatstheater-mainz.com

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