Es muss nicht alles überbewertet sein, was mit dem »Arschgeweih der Literatur« beworben wird. Nicolas Mathieu, der Autor von »Connemara«, kann ja nichts dafür, wenn sein Buch in Deutschland verkaufsträchtig als Spiegel-Bestseller vermarktet wird. Am Beispiel der Karriere einer jungen Frau aus Nancy verrät uns der vor drei Jahren veröffentlichte Roman viel über das Frankreich von heute. Mit nahezu diagnostischem Blick beschreibt und entschlüsselt er die Befindlichkeit der Menschen in der französischen Provinz unserer Tage. Mathieus Einblicke stehen damit – trotz eines populäreren, vielleicht gar gängigeren Zugriffs – den Erkenntnissen eines Didier Eribon oder Édouard Louis kaum nach. Was das Staatstheater in Mainz jetzt als eine »Madame Bovary unserer Tage« ankündigt, ließe sich deshalb auch mit »Rückkehr nach Nancy« betiteln.
Erzählt wird von Hélène Poirot, einer erfolgreichen Managerin und Mutter zweier Töchter, die nach einem Burn-out in Paris ihren Mann überredet, zurück in ihre Heimat im Osten Frankreichs zu ziehen und dort folgenreich ihren Teenagerschwarm Christophe wiedertrifft, Supersportler ferner Tage – und in doppelter Hinsicht zurückgeblieben. Das im politischen Vakuum des französischen Wahlkampfs 2016 angesiedelte Werk besticht nicht nur durch seine einfühlsamen Portraits der Protagonisten. Es richtet zugleich den Blick auf die – uns gar nicht mehr so fremde – tiefe gesellschaftliche Spaltung unseres Nachbarlands. Der Titel verweist dabei nur vordergründig auf die raue Landschaft im Westen Irlands, vielmehr auf das als französische Sehnsuchtsparabel gehandelte Chanson von Michel Sardou.
Anders als Eribon und Louis sind die Romane von Nicolas Mathieu bislang noch nicht von den Theatern entdeckt worden. Für Mainz jedenfalls geht die Idee dazu auf die Regisseurin Milena Mönch zurück, die mit ihrer Adaption des »Felix Krull«-Romans von Thomas Mann für die vielleicht schönste Inszenierung der vergangenen Jahre am Gutenbergplatz sorgte (siehe Strandgut 10/24). Eine Idee, die überdies inhaltlich bestens zur Fortsetzung der inzwischen langjährigen Kooperation des Mainzer Hauses mit »Les Théâtres de la Ville du Luxembourg« passt. Von beiden Bühnen besetzt, erlebt man Brigitte Urhausen, bekannt als Kommissarin Esther Baumann im Tatort Saarbrücken, in der Rolle der Hélene und eine veritable TV-Kommissarin Esther Baumann, Tatort Saarbrücken) Daniel Mutlu als Eishockey-Crack und Hundefutterverkäufer Christophe. Die übrigen Rollen teilen sich Carlotta Hein, Ulrich Cyran und Vincent Doddema. Die Premiere findet vor Erscheinen dieses Heftes, aber erst nach Redaktionsschluss statt. On verra.
Die neue Koproduktion Mainz/Luxemburg bringt Nicolas Mathieus »Connemara« auf die U17-Bühne