Das Theater Willy Praml, ansässig in der Naxos Halle, inszeniert »Der Schmerz« von Marguerite Duras. Der Regisseur Michael Weber, künstlerische Leiter des Theaters, hat den autobiografischen Text, der 1985 als Roman erschien, als 3-Personen-Stück für sein Ensembles arrangiert.
Die Inszenierung ist intim, es gibt gerade 60 Plätze, die im U um die Bühne verteilt sind. Die Bühne ist ein Wohnmobil, mit ausgerissenen Fenstern und Tür, in der Mitte der Aufführungshalle platziert. Das ist die Wohnung von Marguerite Duras, das Innen, während alles außerhalb des Wracks Paris, die Straßen, das Draußen sind. Marguerite ist Anfang 30, sie lebt in Paris und ist verheiratet mit Robert, genannt Robert L.
Der Zweite Weltkrieg und die Verfolgungen durch den NS laufen auch in Frankreich auf Hochtouren, jeder Menschlichkeit enthemmt. Marguerite Duras, Robert L. und D., der Freund der beiden und der Liebhaber der Duras, sind alle drei im Widerstand aktiv. Robert wird festgenommen, verschwindet, wird deportiert ins KZ. Seine Frau bangt und wird zunehmend verrückt vor Sorge und, noch schlimmer, vor Ungewissheit. Sie notiert sich tagebuchartig, – was im Falle der Autorin Marguerite Duras bedeutet, dass es maximal literarische Notizen sind – wie sich die Tage, Wochen, Monate gestalten. Sie schreibt über ihren vermeintlichen Alltag, bei dem es um nichts anderes mehr geht, als auf die Rückkehr, zumindest auf Nachrichten über Robert L.s Verbleib zu warten, auf sein Überleben zu hoffen. Sie kann nichts tun. Sie versucht alles zu tun, was es auch sei, um Robert L.s drohendes Schicksal irgendwie positiv zu beeinflussen.
»[…] wir warten noch, mit einem Warten wie zu allen Zeiten, dem warten der Frauen zu allen Zeiten, an allen Orten dieser Welt: dem Warten auf die Männer, die aus dem Krieg heimkommen. Wir gehören zu jener Seite der Welt, wo die Toten in einem unentwirrbaren Leichenhaufen übereinandergestapelt sind.[…]«
Nichts hilft, alles nimmt seinen Lauf, das Schicksal oder der Zufall geschehen: Robert L. wird gerettet, ein Wunder, dass er noch lebt. Er wiegt nur noch 37 Kilo und Marguerite Duras nimmt ihren physisch wie psychisch vollkommen entstellten Ehemann zu Hause entgegen, schreiend. Sie beruhigt sich, sie päppelt ihn auf. Sie ist weiterhin in Ungewissheit, ob er überleben wird, ob sein Körper sich Nahrung wieder wird angewöhnen können. Das Thema des Hungers und (nicht) Essens ist elementar und wird im Stück textlich zugespitzt, auf minimalistische, sehr gelungene Weise. Als klar ist, dass Robert L. wieder zu Kräften kommt und überleben wird, verlässt Marguerite Duras ihn.
Die Duras wird von Anna Staab dargestellt, zierlich, sehr energetisch, zerrissen. Und krass. Und dem Originaltext nach maximal verzweifelt, fast in den Wahnsinn hinein zerstört. Das kommt extrem gut rüber, das nimmt man dem Stück und seinen Spieler*innen voll und ganz ab, das Publikum ist reingezogen in die (Seelen-)Zustände dieser irren Lebenssituation:
Jakob Gail spielt den überwiegend nur in der Vorstellung und Erinnerung der Duras auftauchende Robert L. Muawia Harb spielt D., den Liebhaber, als einen Fels in der Brandung, einen sicheren Dreh- und Angelpunkt im persönlichen Horror des aus den Fugen geratenen Lebens von Marguerite. Er scheint ein wenig überfordert mit der außer sich und jedes seelischen Gleichgewichts geratenen Frau, aber ist und bleibt da. Auch im echten Leben. Denn die Duras wird ihn heiraten.
Einen Vorwurf, den man der Inszenierung machen könnte, ist, dass dieser unglaubliche, intensive Text eigentlich für sich steht, dass jedes In-Szene-setzen zu viel ist. Nur ablenkt und schwächt, was Sprache in der die Duras schreibt, zu evozieren schafft.
Ja, das ist gemein, dem Theater vorzuwerfen, dass es theatralisch sei. Trotzdem ist es so. Und dennoch ist das Stück sehr wertvoll und sehr gut umgesetzt, einfach weil es den »Schmerz« bearbeitet, diesen Text als einmalige Tatsachenbeschreibung bekannter macht und wieder in den Diskurs bringt.
Um Text und Stück in seiner Tiefe zu erfassen, ist die Kenntnis um das Leben und Schreiben von Marguerite Duras von Vorteil. Birgit Heuser, Schauspielerin und Ensemblemitglied, die der Schriftstellerin auch persönlich begegnete, gibt vor jeder Vorstellung einen prägnanten, spannenden Einführungsvortrag, der hier explizit empfohlen sei – und ein bisschen erweitert fast schon alleine einen Abend füllen könnte!
