Max Beckmann zeichnerisches Werk im Städel

Im Städel ist die große Retrospektive des grafischen Werks Max Beckmanns zu sehen.
Max Beckmann gilt als einer der relevantesten Künstler der Moderne, der sich gleichberechtigt zeichnerisch wie malend ausdrückte. Frankfurt war wichtiger Schaffens- und Lebensort des Künstlers.
Hier wohnte er ab 1915 bei der Familie eines Studienfreundes in Sachsenhausen. Sein Atelier befand sich in der Schweizer Straße 3. Haus und Wohnung existieren noch und der Blick aus dem Fenster ist noch der von damals: Ein Ausschnitt des Mains mit dem Eisernen Steg, der die beiden Ufer verbindet. Den hat Beckmann des Öfteren gemalt. Den Main, ein typisches Frankfurter Eckhaus, Straßenszenen, auch das Gemälde vom Hauptbahnhof ist in Frankfurt immer wieder gezeigt und den Bewohner präsent. »Das große Menschenorchester ist doch die Stadt«, schrieb er, bereits früh war er von der Großstadt als sein Sujet überzeugt, denn mit Motiven des Stadtgeschehens ließ sich Gesellschaft und Gesellschaftskritik für ihn am besten abbilden.
Ab 1925 war er an der Frankfurter Kunstgewerbeschule (heute Städelschule) als Lehrer tätig, ab 1929 pendelte er zwischen Paris und Frankfurt. 1933, im Zuge der Machtübernahme durch den NS, verlor er seine Anstellung als Lehrer und floh 1937, weil er noch weiter in den Fokus der Nazis geraten war und ein Großteil seiner Bilder mittels der Beschlagnahmung als »entarteten Kunst« diffamiert wurden.
Beckmann lebte bis 1947 in Amsterdam, um dann in die USA zu gelangen, wo er ab 1949 ebenfalls in der Kunstlehre in NYC tätig war. 1950 starb er unerwartet und viel zu jung mit gerade 66 Jahren an einem Herzinfarkt. Nach Frankfurt kam er nie zurück, hatte hier aber weiter seine Freunde und in ihnen Förderer und Sammler. Deswegen ist ein großer Teil des Beckmann Werkes im Städel angesiedelt. 2019 erwarb das Städel das wichtige Gemälde »Selbstportrait mit Sektglas«, das die Zeit der »Goldenen Zwanziger« selbstironisch, klischeehaft und sehr gesellschaftskritisch stilisiert. Es ist eines der 80 Werke, das in der Ausstellung »Beckmann« zu sehen ist – unter sonst nur Zeichnungen aus quasi allen Schaffensphasen zwischen 1912 und 1950.
Sehr besonders ist, dass man mittels der – immer figurativen – Zeichnungen einen sehr intimen Blick erhält in das Leben und Werk Max Beckmanns: Während die Gemälde kühl und cool anmuten, virtuos und final, so sind die Zeichnungen auch Versuche. Und zeugen von Sensibilität und Emotion. Es sind gezeichnete Tagebucheinträge und Notizen, es gibt schnell gescribbelte Ideen und dokumentarische Momente, aber auch Portraits und Selbstportraits, Konzeptionen von Gemälden, manchmal signiert, manchmal kommentiert, immer aus der eigenen Erlebniswelt des Künstlers.
Es lässt sich nachvollziehen, wie sich der Stil des Zeichners vom Impressionistischen loslöst zu einem freieren Stil, manchmal sind kubistische Momente zu erahnen, wobei die Blätter immer individueller werden, eben typisch Beckmann‘sch.
Das erkennbar moderne und zeitloses Werk hat dabei große Wahrhaftigkeit und ist ziemlich zeitaktuell. Beckmanns Erfahrungen des 1. Weltkriegs, zu dem er sich freiwillig in den Sanitätsdienst gemeldet hatte, waren traumatisch, die Schreckensbilder, die er in den Verwundeten und Toten, in der Verwüstung und Zerstörung sah, prägten ihn und sein Kunstschaffen zeitlebens.
Was interessanterweise gar nicht zu finden ist, sind Bezüge zur Kunstgewerbeschule und Lehre in Frankfurt. Fast fragt man sich, ob es doch noch ungehobene Beckmann-Schätze geben könnte, dass in sprichwörtlichen Katakomben irgendwo in der Stadt noch Blätter vergraben sein könnten?

Laura J Gerlach
Bild: Abendliche Straßenszene, 1913 (?)
Sammlung Hans Kinkel im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg
Foto: Monika Runge
Bis 15. März: Die.–So., 10–18 Uhr; Do., 10–21 Uhr
www.staedelmuseum.de

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