»Don‘t let history become your destiny«
Eigentlich passt das gar nicht. Gerade habe ich gelernt, was Straight Edge (sXe) ist, nämlich eine punkige Ergänzung zum richtigen Punk, aber ohne Drogen, ohne Alkohol, ohne die Kopf-Vernebelung, ohne den Konsum, ohne das Außer-der-Realität-Sein, ohne Selbstverletzungen, und trotzdem fest antikapitalistisch, fest antikonsumistisch, – und dann läuft als Erstes »Dear Mrs. Applebee« von David Garrick aus dem Jahr 1967, wenn man den Ausstellungsraum der Halle 2 betritt, so ein weichgespülter Schwiegermamakram. Also Subkultur ist das nicht gerade, oder doch wieder schon? Gehört nämlich dazu beim Video »Future of Yesterday« der absolut heutigen Band »Blinded« aus Darmstadt, die im weiteren Verlauf des Videos richtig und ordentlich Punk macht, laut, wild, exzessiv, und so toll und absolut frei, Garagenpunk inklusive stagediving ohne stage. Denn »Blinded« steht nicht auf der Bühne, sie steht im Publikum.
Geht eigentlich auch nicht: im zweiten in Recife gedrehten Video singt die süße blonde langmähnige Dayana Paixao, im wirklichen Leben Feuerwehrfrau, den unglaublichen Schmachtfetzen »Nur du kannst mich zur Frau machen«. Vorher hat sie ausführlich im Backstage-Bereich ihre Schminktricks präsentiert, um dann im Nachtklub »Planeta Show« aufzutreten. Es folgt ein kleines Straßenfest auf einer Art Müllplatz, und da rollen die Hüften so provokant, dass einem ganz schwindlig wird. Gegen diese ausgestellte glänzende Üppigkeit der jungen Frauen können die feiernden Jungs noch so sehr mit ihren Goldketten protzen – das ist völlig unerheblich. Sie gehen ganz einfach unter.
Was die so unterschiedlichen Filme der Brasilianerin Bárbara Wagner und dem Iren Benjamin de Burca eint, die sie als »documentary musicals« bezeichnen, ist die Maxime, dass sich das Herz einer Kultur in ihren populären Liedern spiegelt. Und ihre Suche führt sie dabei rund um den Erdball, auch beispielsweise nach Darmstadt. Wobei man sich schon fragen muss, was populär eigentlich meint, auf alle Fälle NICHT Elitenkultur oder sichtbar Konstruiertes. In dieser ihrer Begrifflichkeit reichen sich Punk und Kitsch durchaus die Hand, wo sie sich nämlich auf einem Terrain treffen, das Wunsch ist, Manifest. Anders-Sein, Traum. Aber keineswegs gleichbedeutend ist mit Flucht aus den Verhältnissen: von diesen Musikbewegungen werden auch queere Sambatänzer*innen umarmt. Das Randständige, das Marginalisierte rückt ins Zentrum. Und zwar in das eigene. Es geht nicht darum, betont die Kuratorin der Ausstellung Katharina Dohm, unbekannte Bands durch die Videos bekannt zu machen – sie haben schon ihre eigene Szene – sondern einen Fächer von musikalischen und kulturellen Bewegungen auszubreiten, die sich abseits etablierter Kunstsysteme sehr lebendig eingerichtet haben.
Bárbara Wagner und Benjamnin de Burca, die 2019 den Brasilien-Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltet haben und auch bei der Berlinale vertreten waren, arbeiten grundsätzlich im Kollektiv mit den Protagonist*innen selbst, es ist schließlich deren Story. Die kollektive Arbeitsweise des Teams wendet sich ins Multiperspektivische. Hier ist jeder Mitwirkende Regisseur zugleich. Fiktives vermischt sich mit Dokumentarischem, die Akteure schaffen sich ihre eigene Plattform. Die Geschichten haben ein Davor und Danach, mitunter ein Fazit. Die brasilianische Videoinstallation »Estas vendo coisas/You are seeing things« aus dem Jahr 2016 beispielsweise lässt Dayana Paixao am Schluss resümieren, dass der Mann sich lediglich Dinge vortäuscht. Wie ein Musikstudio oder eine Showbühne oder ein Fernsehstudio eben auch nur vortäuschen kann. Trotzdem ist es ein Ort der Selbstvergewisserung. So wie auch ein Straßenfest das sein kann.
Wie ein kleines Theaterstück inszeniert ist »Rise«, die dritte Arbeit der beiden, die 2018 im U-Bahn-System von Toronto entstand. Getragen wird sie von der afrokanadischen Community. Ein nahezu durchkomponierter Film voller witziger Begegnungen, Reflektionen auf einer Rolltreppe und gerappte und gesungene Weisheiten für die Ewigkeit. »Don’t let history become your destiny« ist so eine. Etwas Weiseres lässt sich über die Afrocommunities aktuell grad nicht sagen.
»The tunnels we dig« lautet der Titel dieser Ausstellung, die aus diesen drei rund zwanzigminütigen Videoinstallationen besteht. Jede spricht eine andere Sprache, jede zeigt ihren eigenen Kosmos. Wagner und de Burca kompilieren, sammeln, archivieren. Aus den »musical documentaries« wird sich schlussendlich ein lebendiges zeitgenössisches Sound-Archiv entwickelt haben.
