Kadmiumgelb. Preußischblau. Windsor Green. Kobaltblau. Kobalttürkis. Burnt Siena. Manganblau. Hellrot-Orange. Will man sich Zugang zum künstlerischen Kosmos des österreichischen Malers Wolfgang Hollegha verschaffen, dann durchmisst man zunächst einmal ein wahres Fest der Farben. So schön und strahlend einerseits, so wirbelnd und schwingend andererseits. Die meterhohen Gemälde (das größte hier ausgestellte misst 285 x 600 cm) zeigen einen schier endlosen Tanz der Begegnung dieser Farben, mal flächig und stark, mal zart und hingetupft. Es ist wie eine Einladung an die Sinne – und so lautet der Titel der Werkschau, die derzeit im Museum Reinhard Ernst zu sehen ist, auch folgerichtig »Denk nicht, schau!«, ein Motiv des Philosophen Ludwig Wittgenstein.
Wolfgang Hollegha –wer? Der 1929 in Klagenfurt geborene und 2023 verstorbene Maler hat sich, obwohl in jungen Jahren mit Jackson Pollock und Helen Frankenthaler in einem Atemzug genannt, schon früh in seine Wohn- und Werkstatt auf dem Rechberg zurückgezogen und die rasch über ihn hereinflutende Anerkennung in der New Yorker Kunstszene zwar geschätzt, aber nie gesucht. 1958 erhält er als jüngster Preisträger den Guggenheim International Award für Österreich gleichzeitig mit Alberto Giacometti für die Schweiz und Mark Rothko für die USA. Das ist eine Sensation, und der Kunstmarkt nimmt sofort die Fährte auf. Er ist Vertreter einer Richtung, die später unter dem Titel »Colour Field Painting« zusammengefasst wird. Seine Bildauffassung lässt sich schnell unter dem Begriff des Abstrakten Expressionismus verankern, und das passt in die Zeit, in die Strömung. Von der Wirkung her ist diese Setzung eindeutig, doch nicht unbedingt von der Herangehensweise, die er als körperlich beschreibt. Trotz aller Abstraktion gibt es in seiner Malerei immer einen gegenständlichen Ursprung, die Puppe seiner Tochter, eine Mütze, einen Korb, einen Holzscheit. Die untersucht er, erforscht er mit Farbe, es ist ein sinnlicher, keine abstrakter Akt der Annäherung.
Aber er wünscht sich auch die Komplizenschaft seiner Zuschauer*innen. Die überwiegende Anzahl seiner hier ausgestellten Werke aus all seinen Schaffensphasen – das früheste von 1960, das jüngste von 2020 – trägt keinen Titel. Der ungelenkte, unvoreingenommene Blick ist sowohl als sinnliche Schulung als auch als Akt der Emanzipation von vorgefertigten Ansichten und Meinungen zu verstehen.
Eintritt in die Phantasiewelten des Wolfgang Hollegha: sie sind schlichtweg überwältigend. Auf ungewöhnlich großen Formaten lässt er Farben ineinander schwingen, auseinander streben, sich in Spitzen auflösen, in Tupfern versprühen, er spielt mit Licht, Farbe und Form, die verschmelzen, sich auflösen, sich wieder zu einer Essenz verdichten. Die Farbflächen vibrieren vor Energie, die Bildkompositionen scheinen zu leben. In Rechberg hat er sich ein ganz besonderes Malstudio geschaffen, eine bäuerliche Kathedrale fast, mit einer Empore von zehn Metern, von der aus er sein Gemälde in aller Gänze erfassen konnte. Auf aufwändig präparierte weiße Leinwände schüttete er stark mit Terpentin verdünnte Farbe, die dadurch aquarellhafte Transparenz erlangte, unter den Klängen der Kompositionen von Johann Sebastian Bach. Er malte im Liegen auf einer schwenkbaren Schlittenkonstruktion. All diesen körperlichen Einsatz spürt man.
Das Museum Reinhard Ernst, dem diese Wiederentdeckung zu verdanken ist, füllt sechs Säle mit seinen Arbeiten, ein Film und eine Zeitleiste informieren über sein Leben. Der siebte Raum ist einer Begegnung mit seinen nordamerikanischen Kollegen gewidmet, die vielleicht berühmter geworden sind als er, Helen Frankenthaler, Jackson Pollock, Morris Louis, Friedel Dzubas, Larry Poons und Jules Olitski. Wolfgang Hollegha zeigt sich in diesem Reigen als strahlende Energie.
Wenn Farben feiern – »Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau!« im Museum Reinhard Ernst