Das Publikum hat noch gar nicht zu seinen Plätzen gefunden, da hat der Kaufmann Lopachin mit seinem traurigen Clowns-Gesicht schon einige zum Platzen gebracht. Hingebungsvoll hat er sich dem Aufblasen von rosa Luftballons gewidmet; allein, sie unversehrt zu lassen, will ihm nicht gelingen. Das elegante Dienstmädchen Dunjascha wedelt auf der leeren Arbeitsbühne hektisch in der Gegend herum, der Kontorist Jepichodow knüpft mit Lachgas gefüllte silbrige Großbuchstaben auf. Man entziffert gerade noch »HELLO« da löst sich das O und übrig bleibt: »HELL« – Hölle. Lopachin ist derweil stehend eingeschlafen. Das alles geschieht mit dem Witz unbeholfener Eleganz, die Emily Klinge, Sebastian Schulze und Kornelius Heidebrecht slapstickhaft zelebrieren, und das ist das Prélude zur Komödie um eine hochverschuldete adlige Gutsbesitzerfamilie, die aus Paris zur drohenden Zwangsversteigerung ihres Gehöftes samt Kirschgarten anreist.
Das Komitee nun also steht bereit, einen festlichen Empfang zu bereiten. Und ein großer Auftritt wird es, den Regisseur Philipp Preuss den Heimkehrern spendiert: umgeben von einem neonsilbern glitzernden Gerüst aus Stäben schweben sie förmlich ein, aufgereiht wie Geister, schweben unbewegt aus dem Hintergrund in den Bühnenvordergrund, umgeben von einem Gerüst, das alles sein kann: ein Landgut, ein Gefängnis, ein Käfig. Von Kirschgarten keine Spur. Ein ausgesprochen stimmungsvoller Beginn.
Philipp Preuss ist dafür bekannt, dass er konsequent mit der Vorherrschaft des dramatischen Textes und der klassischen Figurenpsychologie bricht. Von daher dürfte spannend werden, wie er mit Tschechow umgeht, dem Meister verfehlter Kommunikation und Dialogführung. Denn wird das feine Netz des Gesagten, vor allem aber des Nichtgesagten, welches die Beziehungen der Figuren untereinander bestimmt, gelockert oder gar aufgelöst, zerstäubt das Gespinst, verlieren sich Personal und gesellschaftlicher Rahmen ins Beliebige. Preuss muss das geahnt haben, denn auf diese Einstimmung, die so schön Theater-Traditionen ignoriert, folgt zunächst eine eher traditionelle Herangehensweise, zumindest, was die historisierenden Kostüme (Eva Karobath) betrifft.
Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Karin Klein) als die große Verprasserin vor dem Herrn ist gekleidet wie die große Verprasserin vor dem Herrn: in festlichster Jugendstil-Ausgehrobe. Die beiden Töchter Anja und Warja tragen schwarze Spitzenkleidchen, die so aussehen als wären die Beiden vor der Zeit verwitwet – was ja irgendwie auch zutrifft! Und Karin Klein stimmt sehr forciert sogleich die große Geste an. Blank wie eine Kirchenmaus, Geld weg, Mann weg, hat sie allerdings gar keinen Grund zur großen deklamatorischen Geste. Ob da die Heimat hilft?
Die Heimat hilft schon, aber nur, wenn sie sie verkauft. Und das weiß niemand besser als Lopachin, dessen Vater noch als Leibeigener bei der Familie gelebt hatte, und der selbst ganz offenbar seine Chance ergriff, aus den Verhältnissen auszubrechen. Und doch, wird er glücklich damit? Die über Jahrhunderte festgezurrte Klassengesellschaft gerät ins Wanken, die Leibeigenschaft ist zwar aufgehoben, ob zu ihrer eigenen Freude oder nicht, das wird sich noch zeigen, der aufkommende Kapitalismus zwängt sich ins Sittengemälde. Es herrscht Verunsicherung allerorten, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist? Ob das Festhalten an Altbekanntem, das Abwarten, das einen doch eigentlich erstickt, nicht doch den besseren, weil bekannten Halt bietet? Alle Figuren im »Kirschgarten« rätseln daran, tragen diese Fragen in sich.
Ist ein postdramatischer Zugriff, wie ihn Philipp Preuss jetzt zelebriert, das richtige Instrument, diese Geschichte wirkungsvoll zu erzählen? Und er packt tatsächlich das große Besteck aus: abgefilmte und auf Gazevorhänge projizierte Gespräche, Gesichter in Großaufnahme, während vorne auf der Bühne Schauspieler ins Publikum deklamieren, absichtsvoll beziehungslos weit auseinander stehen, Kornelius Heidebrecht, der vom Klavier zum Keyboard wechselt und das ikonische »Dreamer« von Roger Hodgson intoniert. Man kann sagen, es ist eine ganze Bonbontüte an verfremdenden Einfällen auf die Bühne gekullert, doch was hält sie zusammen, wenn man den Charakteren ihre Biografien austreibt?
Anja (Aleksandra Kienitz) bleibt blass, Warja (Samia Dauenhauer) auch, Karin Klein ist die aufdringlich große Dame und nichts sonst. Charlotta – die fabelhafte Emily Klinge in einer Doppelrolle, sie ist auch Dunjascha, s.o. – wird von Beginn an als Fremde gezeichnet, was sie ja auch ist: irgendein Zirkuskind, jetzt Gouvernante von Anja, mit einer Matroschka-Puppenmaske auf dem Kopf. Die männlichen Darsteller dagegen sind keine konzeptuellen Scherenschnitte, sondern einigermaßen lebendig. Sebastian Schulze als Lopachin, Niklas Herzberg als ewiger Student Trofimow und Jörg Zirnstein in einer sagenhaften Doppelrolle als das Dienerpaar Jascha und Firs gewinnen ihren Figuren eine leise Komik ab, die das Stück so sehr verlangt.
Retten, was zu retten ist, oder untergehen, das ist die zentrale Frage, um die sich Tschechows Protagonisten drehen. Der Kirschgarten – das ist das Gestern. Aber ist er auch das Gestrige?
Preuss jedenfalls lässt die Interpretation nicht zu, dass dieser lediglich ein Symbol für eine längst untergegangene Epoche ist. In einer surrealen Performance suhlen sich Trofimow, Ranjewskaja, Warja und Anja – während die Versteigerung des Landgutes im vollen Gange ist – im von Firs unermüdlich herbei geschleppten Eimern mit rotem Kirschsaft. Endlich sind sie vereint, sinnlich, lasziv, verspielt, kindlich, endlich lebendig, eigentlich blödsinnig, aber doch auch ein wunderbarer Kontrast zur erstickenden Beziehungslosigkeit zuvor. Kein Wunder, dass Lopachin als Aufkäufer des Landgutes sich zwar auch die Klamotten auszieht und mitmachen will, doch er bleibt weiß, kein Saft mehr da für ihn. Zum Schluss der Aufbruch einer auseinanderstiebenden Gesellschaft, jeder für sich allein, nur der alte Diener, der nie frei sein wollte, bleibt zurück, man hat ihn schlichtweg vergessen. Aber er bleibt.
Wo sind die rosaroten Träume hin? Tschechows »Kirschgarten« am Staatstheater Darmstadt