Wolle. Seide. Widerstand. Intuitives Erkunden und Fröhlich sein! Was auch immer, aber bloß nicht rumsitzen – das Frankfurter Museumprogramm im Frühjahr

Es waren vielleicht nicht die allerpopulärsten Namen, die in den vergangenen Monaten die Ausstellungshäuser füllten, aber sie taten es auf eine überaus bemerkenswerte und überraschende Art und Weise. Zwei »kleine« Schwestern waren darunter, Hélène de Beauvoir und Suzanne Duchamp, und die unglaubliche Ausstellung der Stephanie Comilang in der Schirn, die auch noch einen durchaus spektakulären Umzug vom Römerberg quer durch die Stadt nach Bockenheim in die Dondorf-Druckerei hinlegte. Das Städel blickt auf ein sehr erfolgreiches 2025 zurück, und die Opelvillen ziehen mit Hélène de Beauvoir so viele Zuschauer*innen an, dass deren Retrospektive bis Anfang April in die Verlängerung geht.

 

>>> Januar


Das Museum für Kommunikation setzt das erste Ausrufezeichen: »Die Nazis waren ja nicht einfach weg« ist der Titel einer Schulausstellung aus Erlangen, die sich dem Thema widmet, wie wir uns zukünftig an den Nationalsozialismus erinnern, uns damit auseinandersetzen wollen. Sie wurde mit Schüler*innen aus ganz Deutschland entwickelt und nimmt die Perspektive von Kindern und Jugendlichen ein. Ein ganz wichtiges Thema!

»Die Nazis waren ja nicht einfach weg«
Bis 26. Juli
www.mfk-frankfurt.de

Das Fotografie Forum Frankfurt startet am 30. Januar mit einer Überblicksausstellung aus über 25 Schaffensjahren der im Jahr 1970 in Cuxhaven geborenen Künstlerin Jessica Backhaus unter dem poetischen Titel »Shadows might Dance«. Gezeigt werden frühe dokumentarische Arbeiten, ihre allmähliche Hinwendung zur Abstraktion und ihre neueste Serie »Papyrus«, die – Premiere – zum ersten Mal zu sehen ist. »Backhaus entwickelt ihre Ideen durch intuitives Experimentieren, Bilder – die eine besondere Sensibilität für Material, Textur und die feinsten Nuancen von Farbtönen offenbaren«. Eine besondere Welt, in der sich die Künstlerin im Spannungsfeld zwischen Fotografie, Malerei und Objektkunst aufhält.

Foto: »cutout 46«, 2020 © Jessica Backhaus, 2026, courtesy of robert morat galerie
»Shadows might Dance«
Bis 26. April
www.fffrankfurt.org

Auch die Schirn nimmt im Januar ihr Programm auf und präsentiert zum ersten Mal in Deutschland das in Brasilia lebenden Künstlerpaar Bárbara Wagner & Benjamin de Burca. Seit über zehn Jahren arbeiten die Beiden mit Videoinstallationen und in Räumen, die abseits etablierter Orte der zeitgenössischen Kunstszene liegen. Ihre Themen sind stets eng verknüpft mit musikalischen Bewegungen und deren Widerstandspotenzial und aktuel len politischen Aussagen. Der Entwicklungsprozess einer Videoarbeit wird in der Regel von allen daran Beteiligten mitgestaltet, Musik, Licht, Choreografie entstehen im Kollektiv. In der Schirn zeigen sie eine eigens für die Ausstellungshalle produzierte neue Arbeit.

»The Tunnels we dig«
Bis 26. April
www.schirn.de

>>> Februar


Die zweite Schau in der Schirn gilt dem in Frankfurt lebenden Künstler Thomas Bayrle und startet am 12. Februar. 55 insbesondere aus den letzten 20 Jahren entstandenen Arbeiten werden präsentiert, darunter Malerei und Grafik, Skulptur und Objektkunst sowie Soundinstallationen und eine Videoarbeit. Der zum Maschinenweber ausgebildete Bayrle untersucht seit Jahrzehnten in seinen Arbeiten die Entwicklung vom Analogen zum Digitalen, dem Verweben, Vernetzen von Bezügen, inhaltlich geht es um die moderne Gesellschaft, um Religion, Masse und Individuum.

Foto: Kim Kardashian XII, 2021, Pigmentdruck auf Papier
© Thomas Bayrle, VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin, Foto: Wolfgang Günzel
»Fröhlich sein«
12. Februar bis 10. Mai
www.schirn.de

Kann man Widerstand weben? Kann ein Teppich Protest sein? Und wenn ja, wie? Eine außergewöhnliche und durchaus berechtigte Frage, wie das Museum Angewandte Kunst in ihrer ersten Ausstellung im Jahr »Wolle. Seide. Widerstand.« feststellt. Sie wird sich ausschließlich dem Teppich widmen, freilich nicht aus rein ästhetischer oder stilgeschichtlicher Perspektive, sondern eben unter Bezugnahme auf die Frage, ob etwas Widerständiges in ihnen zu finden ist, Schlagwort: »Ästhetik textilen Widerstands«.
Zu sehen sind Werke von u.a. Faig Ahmed, Diedrick Brackens, Johannah Herr, Jan Kath, Baseera Khan, Alexandra Kehayoglou, William Kentridge, Noelle Mason, Otobong Nkanga, Tobias Rehberger, Erin M. Riley, Tsherin Sherpa, Rose Stach, Nasan Tur, Jeroen van den Bogaert.

Foto: »Wolle.Seide.Widerstand«, Johannah Herr – American War Rug XVII, Hawaii 1893
»Wolle.Seide.Widerstand.«
7. Februar bis 24. Mai
www.museumangewandtekunst.de

Gleich darauf eröffnet das MAK eine zweite Schau unter dem Titel »AI-Worlding. Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen«. Wichtiger denn je: denn KI-Systeme prägen bereits Vorstellungen von der Gesellschaft, erschaffen neue Welten und Bilder, die auf selektiven Daten beruhen. Auf diesen Prozess des KI-basierten Worldings richtet das Museum in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und dem saasfee*pavillon ihren Suchscheinwerfer. Die Ausstellung umfasst eine Vielzahl zeitgenössischer künstlerischer Positionen, die eigens für die Ausstellung im Museum Angewandte Kunst entwickelt worden sind, darunter Performances, generierte Bilder, sowie interaktive Sound- und Rauminstallationen.

»AI-Worlding«
13. Februar bis 26. April
www.museumangewandtekunst.de

Die DZ Bank Kunststiftung untersucht in ihrer Schau vom 25.2. an gemeinsam mit der Folkwang Universität in Essen das Phänomen des einzelnen Bild »n+1. Mehr als ein Bild« im Gegensatz zu einer unüberschaubaren Fülle von Bildern. Wie können Kunstwerke auf fruchtbare Weise zusammengestellt, geordnet werden, als Bildpaar, als Serie etwa? Als Gegensatz, als Ergänzung?

Foto: Sara Cwynar, Scroll 1, 2020 (Standbild), aus der Serie Marilyn
© Sara Cwynar, Image Courtesy Sara Cwynar und Cooper Cole, Toronto
»n+1. Mehr als ein Bild«
Bis 23. Mai
www.kunststiftungdzbank.de

>>> März


Aufgepasst: Potenzial zum Publikumsmagneten! Das Städel zeigt unter dem Titel »Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat« vom 19.3. an eine große Schau über die künstlerische Entdeckung des einstigen Fischerdörfchens und seinen Einfluss auf die Moderne. Neben 24 Arbeiten von Claude Monet sind 170 Gemälde, Zeichnungen, historische Fotografien und Dokumente aus internationalen Museen und Privatsammlungen zu sehen.

»Monets Küste«
19. März bis 5. Juli
www.staedelmuseum.de

Eine ebensolche hält das Deutsche Filmmuseum bereit, nämlich eine umfassende Würdigung des wohl international bedeutendsten deutschen Filmkünstlers der Gegenwart und stetem Erfinder neuer Filmvokabularien: Wim Wenders. »W.I.M. Im Lauf der Zeit« heißt sie, und beginnt am 11. März. Von der Gewinnerin der Goldenen Palme »Paris, Texas« (1984) bis zur Oscarnominierung im Jahr 2024 für »Perfect Days« ist sein Oeuvre von einer intensiven Vielseitigkeit. Außerdem: Der diesjährige Jury Präsident der Berlinale spricht seinen eigenen Audioguide ein und gestaltet eine immersive Installation; ein opulentes Programm begleitet die Ehrung zum Geburtstag des 80-Jährigen. Die Ausstellung widmet sich seinem Leben und Werk und zeigt zahlreiche Exponate wie Drehbücher, Fotos, Requisiten und Kostüme.

»W.I.M. Im Lauf der Zeit«
11. März bis 18. Oktober
www.dff.film

Klein aber fein wird die Verbindung zwischen Goethe und dem französischen Bildhauer Pierre Jean David d’Angers im Handschriftenstudio des Romantikmuseums ausgebreitet. Ausgehend von einer Kolossalbüste des Dichters, die anzufertigen ihn der Bildhauer im Jahr 1829 bat, sprach Goethe anschließend von der »Auflösung strenger Nationalgränzen«. Das Romantikmuseum nennt ein Gipsabguss des Tonmodells sein eigen.

Foto: Goethe Büste Abguss
© Freies Deutsches Hochstift, Foto: David Hall
»Großartig. Kurios. International«
12. März bis 14. Mai
www.deutsches-romantik-museum.de

>>> April


Was Familie (Jiddisch: Mishpoche) für verschiedene Menschen bedeutet, wie sie sich anfühlt und klingt – um diese und weitere Fragen kreist das interdisziplinäre Ausstellungsprojekt »MISHPOCHA. The Art of Collaboration«, das vom April an im Jüdischen Museum zu sehen ist. Und es wird ziemlich aufregend: Mit Happenings, Street-Festivals, Filmen und Open Stages entführt es in ein kreatives Crossover aus Kunst, Style und Musik, in immersive Medienwelten und Soundinstallationen. Mike D., einer von drei Beastie Boys, ist der künstlerische Leiter des Ausstellungs- und Happening-Projekts, das sich an der Crossover-Praxis seiner berühmten Hip-Hop-Band aus New York orientiert. Was einen darüber hinaus erwartet: Konzerte, Streetfestivals im Bahnhofsviertel.

Foto: »OY-YO«, Skulptur von Deborah Kass, die auf dem Vorplatz des Jüdisches Museums zu sehen sein wird. © Deborah Kass
»MISHPOCHA«
17. April bis 27. September
www.juedischesmuseum.de

Die Opelvillen in Rüsselsheim tragen das Ihre dazu bei: Mit »Unter die Haut. Tattoos im Blick« schließen sie sich dem Thema Mispocha an. Die Ausstellung widmet sich dem visuellen Potenzial von Körperbildern im Design und in der Kunst.

»Unter der Haut«
30. April bis 13. September
www.opelvillen.de

»Die Welt im Geld. Globale Ereignisse im Spiegel Frankfurter Finanzobjekte«: darauf wird sich vom 30.4. an das Historische Museum konzentrieren. Seine Schau ist aus einer neuen Perspektive konzipiert: Ausgangspunkt für weltumspannende Ereignisse mit Bezug zur Stadt ist jeweils ein finanzgeschichtliches Objekt aus der numismatischen Sammlung.

Foto: 500 Mark Schein, Maria Sibylla Merian, 1991, © Deutsche Bundesbank
»Die Welt im Geld«
Bis 30. Januar 2027
www.historisches-museum-frankfurt.de

Susanne Asal
Foto oben: Städel: Claude Monet – Steilküste von Aval, 1885, Öl auf Leinwand, Foto: © Hasso Plattner Collection

 

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