Tanzmainz: »Le Sacre« mit großem Orchester als Mix aus Strawinsky, Wagner, Pärt, Beethoven und Modenschau

Nur einmal im Leben bekomme man so eine Chance, wird Koen Augustijnen im Programmheft zitiert. »Le Sacre«, dieses bei seiner Uraufführung mit der revolutionären Bewegungssprache von Vaslav Nijinsky 1913 zu einem Skandal führende Werk des russischen Komponisten Igor Strawinsky, in neuer Interpretation und mit einem großen Orchester auf entsprechend ausladender Bühne zu präsentieren. Um es kurz zu machen: Der Choreograf aus Belgien und seine in der Schweiz geborene Kollegin Rosalba Torres Guerrero haben es verpasst, etwas Bedeutendes daraus zu schaffen.
Die Zusammenarbeit mit dem formidablen Ensemble von tanzmainz im Großen Haus des Staatstheaters der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt entpuppt sich als eine bunte Party mit schrägen Typen, aber ohne erkennbares Thema. Den 20 Tänzerinnen und Tänzern hat es sicher Spaß gemacht, zusammen mit Kostümbildnerin Stefanie Krimmel die individuellen Outfits zu kreieren. Wie bei einer Modenschau dürfen sie sie erst einmal ausgiebig präsentieren und damit posieren. Ein Defilee auf High Heels, mit Strapsen und Netzstrümpfen, Korsagen und Röcken, Perücken und Hüten, alles etwas überladen und damit den Eindruck vermittelnd, die Bewegungen eher zu hemmen. Sie werden sich nach und nach daraus befreien, den Glitzer, den Schmuck, die Handschuhe, die Ketten ablegen. Auch das verfremdende Make-up wird abgetragen. In knappen Höschen und Bustiers lässt es sich besser verschrauben. Soli und Gruppenformationen entstehen. Wenig zielorientiert, aber doch energetisch, und für jeden Charakter ist etwas Passendes dabei.
Eine Art Zauberer mit Himmelskörperkrone (Zachary Chant) dirigiert die Masse, sucht sich ein Opfer aus (Louis Thuriot), lässt es, nach erotischer Annäherung, wieder fallen. Eine mächtige Stahlbrücke dominiert das Bild, von Jean Bernard Koeman entworfen. Obwohl sich immer mal wieder Tänzer darauf verirren, daran herumschaukeln, wird dieses Symbol des Übergangs doch kaum genutzt.
Paul-Johannes Kirschner dirigiert am Premierenabend die vortrefflich aufspielenden Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters. Sie müssen nicht nur das etwa halbstündige Kernstück beherrschen; das Repertoire für die 75 Minuten enthält auch Richard Wagners »Tannhäuser«-Ouvertüre, Arvo Pärts »Cantus in memory of Benjamin Britten« und Ludwig van Beethovens »Coriolan«-Eröffnung. Aber damit keinen Hinweis mehr darauf, was dieses betont fröhliche Abhängen miteinander soll.
Langweilig wird’s nicht, dafür passiert zu viel. Die große Zahl an Performern sorgt dafür, dass sich der Blick immer wieder auf etwas Sehenswertes heftet, das Gefühl dabei vorherrscht, woanders etwas zu verpassen. Doch es bleibt, wie nach mancher Feier-Nacht in der Realität, nur der Eindruck einer wilden Mischung aus irrealen Szenen voller Spaß, sexueller Anspielungen und frivoler Lust, der in der Erinnerung schnell zu etwas Beliebigem wird. Der Applaus danach ist verhältnismäßig spärlich.

Katja Sturm / Foto: © Andreas Etter

Termine: 1., 3. Juni, jeweils 19.30 Uhr
www.staatstheater-mainz.com

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