Kein Weg hinaus – Theater Willy Praml: Selbstbezichtigung

Eine Schneise zieht sich durch den Bühnenraum der Naxoshalle. Dürre Zweige und abgefallene Äste erzeugen Endzeitstimmung. Auf dem trockenen Waldboden sitzt ein Mädchen und spielt mit einem piepsenden Vögelchen. »Ich bin auf die Welt gekommen. Ich bin geworden. Ich bin gezeugt worden.« – Diese Worte, mit denen Peter Handkes »Selbstbezichtigung« von 1966 beginnt, spricht die zehnjährige Darstellerin Elin Staab als Erste. Doch ihre erwachsenen Schauspielkolleg*innen, Jakob Gail, Muawia Harb, Birgit Heuser, Anna Staab und Eleonora Gobena Wolf, werden sie mehrmals wiederholen. Treffen sie doch auf jeden zu, der auf dieser Welt wandelt. Wie so manches andere, was zu hören sein wird, wofür jeder selbst verantwortlich ist oder was mit einem im Laufe der Zeit ohne eigenen Willen geschieht.
Eine lange Aneinanderreihung von Formulierungen, in Ich-Form und eigentlich für nur zwei Personen geschrieben, zeichnet den Text aus. Michael Weber hat ihm in seiner Fassung und Inszenierung für das Theater Willy Praml detailverliebt viel Leben eingehaucht, hat aus den Rollen mit Einfallsreichtum Menschen gemacht. Sie nutzen den Landschaftsstreifen wie einen Laufsteg. Oder besser einen Lebensweg? Sie stiefeln auf ihm von einer Seite auf die andere, immer am Publikum entlang, das auf beiden Seiten in einer Reihe ganz nah dran am Geschehen sitzt. An einem Ende hängt ein schwarzer Vorhang, hinter den eine Art androgyne Gouvernante das Kind schützend schiebt und aus dem die anderen herauskriechen. Gegenüber steht eine Tür ohne Wände, die einen Ausweg darstellt, aber für fast alle verschlossen bleibt, die durch sie entweichen wollen aus dem allgegenwärtigen System mit seinen Regeln und Pflichten, in das jeder schuldlos hineingeboren wird, aber diese weiße Weste nicht anbehält.
»Ich bin schon mit der Erbsünde behaftet auf die Welt gekommen«, stellt das Mädchen fest. Symbolisch dafür werden Äpfel verspeist. Bei all dem, was an Sünden aufgetischt wird, fragt man sich irgendwann, was auf einen selbst zutrifft und was nicht.
Ein weiteres spielerisches Element in dieser intensiven Auseinandersetzung mit der Vorlage ist die rote Pinocchio-Puppe, die mitten in der Szenerie platziert ist. Der Erzählung des italienischen Autors Carlo Collodi nach gerät das hölzerne Kerlchen in Schwierigkeiten, weil es sich – bei Weber anschaulich umgesetzt – auf dem Weg in die Schule den Kopf verdrehen lässt. Bei der dennoch erlangten Verwandlung in einen Menschen bleiben viele positive Charakterzüge des Jungen auf der Strecke. Die Angleichung an gesellschaftliche Gepflogenheiten unterdrückt die Individualität.
Weber selbst spricht in seiner Einführung im Foyer des Frankfurter Spielortes von möglicher Langeweile, die die Beobachter verspüren können. Davon kann jedoch nicht die Rede sein. Er entwickelt eindringliche Bilder und jongliert kreativ mit der Sprache, den Betonungen, den Bedeutungen. Gewaltfrei bleibt das nicht: Es wird erstochen und hart geschlagen, jemand erblindet.
Das Kind wächst heran, wird seinem eigenen, geplanten Ich spiegelbildlich gegenübergestellt und wendet sich ab von dem, was es sieht. Am Ende wird es weiter auf dem Schaukelpferd wippen, während sich über die Gruppe der Erwachsenen Dunkelheit legt. Allein Wolf darf sich wie die Ballerina einer Spieluhr noch weiterdrehen. Sie hatte von Beginn an etwas Überirdisches an sich.

Katja Sturm / Foto: © Seweryn Zelazny
Termine: 3., 11. Oktober, 18 Uhr; 5., 8., 9. Oktober 20 Uhr
www.theaterwillypraml.de

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