Run Shakespeare Run – »Viel Lärm um Nichts« in der Regie von Leander Haußmann am Staatstheater Darmstadt

Hätte einem eigentlich klar sein können bei dem exquisiten Musikgeschmack des Leander Haussmann, dass seine Version von »Viel Lärm um Nichts« nicht ohne ihn inszeniert sein will. Und so schlägt der Beginn gleich mehr als einen Funken. Eine kulleräugige Hero spricht unter dem barocken Wolkenstore-Vorhang Shakespeares Verse, da purzelt schon ein Narr quer über die Bühne, und sogleich gibt Velvet Underground den Sound vor. »Run run run«, Lou Reed und Nico, rasch, rasch, rasch, Vorhang hoch, Thespiskarren rein und dazu noch ein zweiter, und sogleich folgt die Parade der Darsteller, ganz in Sekunden gefasste Präzision: geldgeiler Tölpel, selbstverliebter Hagestolz, schöne Xanthippe, süßes Mädel, verkappter Romantiker und der perlenbehängte Papa. Die Pinselstriche sind gesetzt und dank der Schauspielkunst des Ensembles sofort eine komplette Figur. Also, ein Schauspiel werden wir erleben, klar doch. Der »Lärm«, der von den Figuren ausgehen wird, ist jetzt etabliert, das Level der Erregung hoch. Aber wie inszeniert man ein »Nichts«?
Das Nichts ist die gute Gesellschaft von Messina beim Feiern eines Kriegsendes (welches? Egal, irgendeines!). Sofort wird der Krieg auf der Beziehungsebene weitergeführt. Das Ensemble duelliert sich flott einmal quer über die gesamte Bühne, wobei sich die Degen bei Benedikt und Beatrice am nachhaltigsten kreuzen. Ein Krieg braucht natürlich auch auf dieser Ebene einen Gewinner (Don Claudio, Begleiter des Don Pedro aus Aragon) und eine Beute (Hero, Tochter des Gastgebers Don Leonato). Oder sind sie nicht eher schüchtern Verliebte? Nein, sind sie nicht, obwohl Claudio Hero fast »kriegt«, doch die »richtig« Liebenden sind Benedikt und Beatrice. Eben noch haben die Beiden die Klingen gekreuzt, sogleich prasselt eine Fontäne aus Worten aus Beatrices Mund auf den auch nicht grade unschlagfertigen Benedikt. Darin zeigt sie sich als liebliche kleine Schwester der Turandot in der Lesart, dass sie einen ihr ebenbürtigen Mann als Gatten will oder sonst gar keinen, auf keinen Fall. Und er setzt nach: unter einer Reichen, Klugen, Anständigen, Schönen, Großzügigen und Toleranten tut er‘s nicht, natürlich alles gleichzeitig, da bleibt er lieber seiner Männerhorde treu.
Nur, was das »Nichts«, also die Gesellschaft, dann daraus macht, das ist dann wieder eitler Lärm. Nämlich Intrigen, zweimal halbwegs okay, einmal sehr blöd.
Beatrice weiht Hero (bei Emily Klinge keineswegs nur mädchenhaft) in einer grandiosen Pantomime in die Freuden und Leiden der Verliebtheit und des Ehelebens ein. Die nämlich hält für Liebe, was schlussendlich nur ein gnadenloses Geschacher um ihre vermögende Person ist – großartig vorgeführt von einem männerbündisch, also tief misogyn aufgelegten Großmaultrio – wobei Thorsten Loeb das als Don Pedro am fabelhaftesten, lässigsten hinkriegt – da hat die superkluge Beatrice den Braten längst gerochen. Lärm, Getuschel, Intrigen, Klatsch, Tratsch, angestachelt von Don Juan, ungeliebter Bastard und Halbbruder des Don Pedro, der die Mädchenehre der Hero in Frage stellt! Sofort glaubt ihm ein jeder, warum eigentlich, doch sogar der Papa glaubt es. Die junge Dame fällt in todesähnliche Ohnmacht, weil ihre Hochzeit sozusagen eine Sekunde vor dem Ja-Wort abgesagt wird. Wie in einer Light Version von »Romeo und Julia« rät der kluge Priester (Niklas Herzberg) zu einem Trick, der hier aber nicht ganz so höllisch ausgeht, irgendwie leider schal und schade, zumindest wenn man das aus der Perspektive der tollen Samia Dauenhauer als Beatrice betrachtet. Für die nämlich der ebenso tolle Sebastian Schulze als Benedikt wunderbare, erinnerungswürdige Balz-Szenen als Liebeskranker aufs Parkett legt.
In Erinnerung bleiben werden auch die über dem Unterkleid getragenen Klapp-Krinolinen von Hero und Beatrice, die die Kerle gut auf Abstand halten, bei Hero minikurz, bei Beatrice etwas länger. Bühnenbild (Max Lindner) und Kostüme (Leo Lesego) könnten in ihrem charmant phantasievollen Wirrwarr auch ganz real dem improvisierten Fundus eines Thespiskarrens entnommen worden sein. Die beiden scheppernden Gefährte dienen vorzüglich als Bausteine der Komödie: Getuschel, Verstecken, Belauschen und schnelle Szenen- und Perspektivenwechsel gehen damit problemlos! Rasch ein paar Kerzen aufgestellt, rasch eine blühende Girlande, einen Stierschädel angepappt und schon weiß man genau, wo man sich befindet. Im Theater, und nur im Theater. Hätte trotz allem Zauber ein bisschen rasanter inszeniert sein können.
Braucht hier jemand eine Aktualisierung? Leander Haussmann lässt »Viel Lärm um Nichts« mit Rio Reisers »Straße« ausklingen, alles tanzt friedlich zum versöhnlichen Schluss. Nur der Text von Rio Reiser will dazu keinesfalls passen, Nico und Lou Reed haben da schon ganz schön vorgelegt.

Susanne Asal / Foto: Sinah Osner
Termine: 14., 21. November, 19.30 Uhr
www.staatstheater-darmstadt.de

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