Das ist ganz klar ein Heimspiel für Mr. Cool. Wohin man blickt im Parterre der Deutschen Börse in Eschborn, in die Gesichter, auf die Posen, in das Schwarz-Weiß, in die Miami-Vice-Farbästhetik – die hier präsentierten Aufnahmen des New Yorker Fotografen Jamel Shabazz aus der Dekade zwischen 1980 und 1990 zeigen Selbstinszenierungen von farbigen Jugendlichen, die gerade dabei sind, spielerisch ihre Identität, ihre Stärke zu entdecken, und bei aller Intimität und Wärme, die Shabazz zu seinen Protagonist*innen hergestellt haben muss, um diese Fotos von ihnen zu machen, sind sie nicht intim. Sie sind cool. Sie entlocken ihnen keine Geheimnisse, sie bleiben stehen an dieser zur Schau gestellten Oberfläche, und das ist schlicht: respekt-und würdevoll. What you get is what you see – die weise Tina Turner. So entsteht ein Panorama von starken, witzigen, sexy Girls and Boys in the hood, in Brooklyn, in Flatbush, in der Bronx und der Lower East Side gerade zu einem Zeitpunkt, als Breakdance und Hip Hop sich zum Ausdruck ihrer subversiven Street-Kultur entwickelten, und Michael Jackson, der unglaubliche Performer und bestimmt nicht ihr Idol, den Reigen seiner von Düsternis umwitterten Songs auf die Zuhörerschaft prasseln ließ. Keine einzige Aufnahme übrigens entstand, ohne dass Jamel Shabazz zuvor mit seinen Fotomodellen von der Straße gesprochen hatte.
Doch das ist nur die eine Seite. Jamel Shabazz arbeitete 20 Jahre lang in der Justizvollzugsanstalt Rickers Island, einer der härtesten in New York. Er sah das Elend auf der Gosse, er sah den Siegeszug des Crack. Mit Konflikten, dem Abrutschen in Milieus, damit hatte er tagtäglich zu tun, auch im Gefängnis entstanden Aufnahmen. Es handelt sich ebenfalls um Porträts des Respekts, nicht um irgendwelche Entlarvungen. Diese Ausstellung lädt ein, sich in ein armes, von Wirtschaftskrisen geschundenes New York zu begeben, das auch das New York der weißen Bevölkerung damals war, weit weg vom Glitzerimage und Immobilienhaien heute, und man möchte es fast Unschuld nennen, wie sich hier die schwarze junge community präsentiert. »New York Vibes« – diese Schau ist ein sehr lebendiges, berührendes Zeitzeugnis.
Der gesamte erste Stock ist den vier Finalistinnen des »Deutsche Börse Photography Foundation Prize« gewidmet, die jeweils im Vorjahr mit einer Ausstellung oder Publikation einen bedeutenden Betrag zur europäischen Fotografie leisteten. Die Verstörendste ist hier eine bereits mehrfach prämierte alte Bekannte: Jane Evelyn Atwood, die im Auftrag der französischen Regierung zum 200. Jahrestag der Erstürmung der Bastille zwischen 1979 und 1989 Frauen in Gefängnissen aufnahm, in Alaska, in Frankreich, in der damaligen Sowjetunion. Diese Fotos sind so verstörend, so grausam – eine Geburt in Handschellen z.B. – , dass der Betrachterin die Selbstbezogenheit der diesjährigen Gewinnerin des Turner Prize-Preisträgerin Rene Matić ebenfalls verstörend erscheint. Sicherlich ist das Private politisch und umgekehrt, und es ist auch völlig korrekt, das so zu zeigen. Doch das von ihr präsentierte, bunt zusammengewürfelte Fotofries hinter Plexiglasscheiben, betont »arm« inszeniert, fast auf dem Boden stehend, erzeugt kaum einen emotionalen Nachhall, der über den Moment hinausweist. Sie zeigt sich in ihren Schnappschuss-Fotos aus England als Antifaschistin, weist ihrer queeren community, in der sie lebt und verkehrt, den Stellenwert einer Familie zu, aber es wirkt ein bisschen wie die Ästhetik eines jungen Wolfgang Tillmans, der ja auch das Underground-Lebensgefühl einer Generation bewusst unstilisiert und roh fotografisch zu fassen suchte. Sehr sympathisch ist sie einem, das auf alle Fälle.
Dazu stellt sich die Iranerin Amak Mahmoodian mit ihren aus Träumen geschaffenen Bildern vor und die Polin Weronika Gesicka mit ihren aberwitzigen Fake-Geschichten, zusammengebastelt aus bewusst gesetzten Fake-Informationen aus Lexika, Vintagefotos von Jahrhundertwende-Häusern und Abbildungen von Monstertieren, die eine KI als Friese aneinandergereiht hat – verspielt und ziemlich tiefsinnig zugleich.
Cool, roh, verstörend: Zwei neue Ausstellungen im Cube: Jamel Shabazz und die Gewinnerinnen des Turner-Prize