Ab wann – ungefähr – begann man, sie zu entkleiden? Ab wann – ungefähr – ließ man ihr Haar unbedeckt? Ab wann – ungefähr – stand ihr Körper im Mittelpunkt? Und ab wann – ungefähr – weckte ein Gärtner ihr Interesse?
Wer auf all diese Fragen eine Antwort erhalten möchte, ist derzeit im Städel bestens aufgehoben. Hier hat man sich mit aller kunst-, kultur-und religionswissenschaftlichen Akribie in das Forschungsfeld Maria Magdalena vertieft, von den frühesten Darstellungen bis zu heutigen Missverständnissen (Kim Kardashian, wer erträgt das schon?), um daraus eine umfassende Schau zu komponieren. Wobei zu einem Aspekt des Ausstellungstitels die passende Repräsentation fehlt: Maria Magdalena sieht man ausführlich beim Beten und beim Büßen zu – da vor allem – aber nicht beim Sündigen, dieses Kapitel bleibt dann der Vorstellungskraft der Zuschauer*innen vorbehalten. Denn womit hat sie sich diese Zuschreibung eigentlich verdient?
Es ist ja gar nicht so viel überliefert von ihr, und wenn man jetzt mit Dan Brown und dem »Da Vinci Code« argumentieren möchte, dass es doch sehr wohl eine Maria Magdalena gegeben hat, die ein Kind von Jesus austrug – ganz weltlich empfangen – und alles andere nur männliche Geschichtsschreibung sei, dann erhält man von Kurator Stefan Roller ein unwirsches »Alles Kappes« an den Kopf geworfen und dann gleich eine Pseudo-Schundbücher-Liste nachgeliefert, auf der so tolle Titel verzeichnet sind wie »Der Maria Magdalena Code: Lebe und heile deine Weiblichkeit«. Das sollte genügen, um diese Stimmen zum Verstummen zu bringen, aber eine andere natürlich nicht: Wie konnte sich Maria Magdalena zu einer solch interpretationsfähigen Kultfigur über Jahrtausende hinweg entwickeln, dass sich sogar Lady Gaga mit Norman Reedus als MM und Judas im Video inszenieren wollten? Oder Joaquin Phoenix als ausgesprochen weltlicher Jesus sich von Mara Rooney als MM emotional-spirituell inspirieren ließ?
Vielleicht kommt diese Interpretation der Wahrheit am nächsten? Maria von Magdala – es hat sie vermutlich nie gegeben. Es ist möglich, dass es im Umkreis der Jünger eine junge Frau gegeben haben könnte, wie die Evangelien von Lukas und Matthäus nahelegen, aber im Wesentlichen amalgieren sich in ihrem Bild verschiedene Marias, die – frühere – Ägyptische und Maria von Bethanien beispielsweise. Sie ist absurd verzerrt, aber auch eine weltumspannende Projektionsfläche und eine kunstgeschichtliche Inspiration par excellence. Und dann ist sie auch »ein Role Model für alle Sündigen«, wie Städel Direktor Philipp Demant es süffig formuliert, besonders zur Zeit der Gegenreformation ein tröstliches Versprechen auf das Himmelreich, wenn man nur ordentlich Buße tat.
Der Frau der abertausend Geschichten ist mit insgesamt über 100 künstlerischen Interpretationen, darunter kostbare Leihgaben aus London, New York, Frankreich im Städel nachzuspüren. Sie vollziehen sie einen Lebensweg nach, den es so nie gegeben hat bis hin zu ihrem Tod in einer südfranzösischen Grotte, zu der jährlich Hunderttausende pilgern, die an die Elevatio glauben, die tägliche Speisung der fastenden MM durch Engelsgesang. Außer Zweifel steht indes, dass sich Künstler*innen von ihrer Aura angeregt fühlten, und wenn es mitunter auch nur dazu reichte, einen unbedeckten Frauenkörper schadlos malen zu können/zu wollen/zu dürfen. Und dann auch noch in spiritueller – sexueller? Ekstase.
Nackt – oder von Schleiern nur unvollkommen verhüllt – erscheint Maria Magdalena ab dem frühen 17. Jahrhundert. Auf den früheren Bildnissen und Skulpturen ist sie prächtig bekleidet, wohl, um ihre vornehme, auch im religiösen Sinn vornehme, Herkunft zu betonen, die Haare unter Kappen verborgen. Es gibt allerdings Bildnisse, die sie abgezehrt, hässlich, nur mit ihren Haaren bekleidet zeigen, z.B. eine Donatello-Skulptur von 1450 aus Florenz, als Zeichen ihrer Askese, Buße. Darin greift sie die Geschichte der Agnes auf, die, um den Nachstellungen der Männer zu entgehen, von Gott in ein dichtes Haarkleid gehüllt wurde. Aber auch ein Bild der ägyptischen »sündigen« Maria, die nach ihrer Bekehrung in der Wüste Buße tat, ist in ihrer Imago enthalten.
Diese Fülle, man sieht es, muss gebändigt werden, und das Städel setzt da auf die Bibel als Ordnungsmuster. Die Austreibung der sieben Dämonen wird thematisiert, ebenso ihre Bekehrung, die Fußsalbung beim Gastmahl des Simon, ihre herausragende Rolle als Zeugin des Märtyrertodes und der Auferstehung. Schlussendlich wird die legendäre MM in der Provence gezeigt.
Quasi um den Spagat in Raum und Zeit zu verdeutlichen, setzt der erste Saal gleich ein Ausrufezeichen: »Anointing« (2003) von David LaChapelle hängt da, auf dem eine sehr unterwürfige Bikinilady dem lichtumhüllten Jesus mit ihren platinblonden Haaren die Füße wäscht, und Francesco Furinis ätherisch-üppige »Büßende Maria Magdalena« von 1603, die milchweißen Arme weit ausgebreitet, damit man ihren Körper unter einem Hauch von Schleier gut erkennen kann. Sie büßt nicht etwa im Büßerkittel … Marlene Dumas ist gleich mit zwei schmalen hohen Gemälden vertreten, »Newmans Zip« und »Queen of Spades« aus dem Jahr 1995, und Kiki Smith mit einer Bronzeskulptur »Wild Woman« (1994).
Wir erleben beim Parcours, der sich auch aus zahlreichen eigenen Beständen des Städel und des Liebieghauses zusammensetzt, ihre Rolle ausdrücklich bei der Passion und der Auferstehung. Bei »Noli me tangere« sind wir beim Gärtner angekommen, der niemand anderes als Jesus war, der auf den Garten Eden, auf das Paradies hinwies, ein ausgesprochen beliebtes Motiv ab dem 16. Jahrhundert. Ganz wunderbar kostbar eingefangen in einer kleinen Skulptur aus Koralle, Spiegelglas und Gold von Georg Gustav Dinglinger um 1700, oder von Albrecht Dürer, Claude Lorrain und Lavinia Fontana. Ebenso beliebt ihre Szene am Fuße des Kreuzes, das sie fest und liebevoll umklammert.
Von der von Papst Gregor im 6. Jh. apostrophierten Sünderin bis zur Salon-Heiligen der Jetztzeit: Im Kreuzfeuer der Blicke von u.a. El Greco, Pedro de Mena, Luisa Roldán, Lotte Laserstein, Georges de la Tour, Arnold Böcklin, Max Beckmann, Ottilie W. Roederstein hat das Städel einen unglaublichen Kosmos gezaubert, in dem man sich an Maria Magdalena (nicht) satt sehen kann. Den Schlusspunkt setzt ein brandaktuelles Gemälde von Nieves González: Hier ist MM zwar auch goldblond gelockt, aber in eine festen voluminöse Daunenjacke verpackt. Nix mehr zu sehen, Jungs! Der Laden bleibt geschlossen.
Sündigen. Beten. Lieben. Die spektakuläre Schau im Städel ist einer – nicht nur religiösen – Ikone gewidmet