»Sie ist eine Europäerin geworden«, sagen die Einwohner des bulgarischen Grenzortes Svilengrad voller Stolz über Veska, die einst den Absprung aus ihrem Geburtsort nach Sofia geschafft hat. Nun ist Veska zurückgekehrt, um als Archäologin die Ausgrabungen an der mittelalterlichen Burg Matochina zu leiten. Das Lob der Einheimischen erweist sich bald als vergiftetes Kompliment, denn Veska gräbt nicht nur Münzen aus. Sie versucht überdies ihren örtlichen Mitarbeitern bei deren privaten Problemen zu helfen und steckt ihre Nase in Dinge, die sie nicht nur nach Meinung der Lokalmafiosi nichts angehen. Doch Veska, die mit ihrem Lächeln eine fast unheimliche Gelassenheit ausstrahlt, ist aus ebenso hartem Holz geschnitzt wie ihre Gegner – die, vielleicht, ihre früheren Liebhaber waren. Regisseurin Valeska Grisebach siedelt ihren Film, für den sie auf dem diesjährigen Filmfestival in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, erneut an den Rändern Europas, im Wilden Osten, an. Erneut besteht das Ensemble aus Laien, darunter, neben der markanten Hauptdarstellerin Yana Radeva, auch der aus Grisebachs Vorgängerfilm »Western« bekannte Syuleyman Alilov Letifov. Mit ihm beginnt die Geschichte, denn Saïd, ein zwielichtiger Bauunternehmer mit attraktiv verknittertem Gesicht, ist ein alter Bekannter von Veska. Beim Einfädeln eines dubiosen Treibstoff-Deals läuft er ihr über den Weg – und geht ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Svilengrad, im Dreiländereck Bulgarien, Griechenland und Türkei gelegen, ist der bedeutendste türkisch-europäische Grenzort und ein Hotspot für Schmuggel und illegale Migration. Doch das Schmuggelgeschäft konkurrierender Banden samt Casinos und Prostitution ist nur eine Facette der Handlung, in der vom film noir über den Mafiathriller bis zur Romanze mehrere Genres durchgespielt werden. Die in epischer Breite entfaltete Geschichte wirkt oft wie ein Vorwand für die filmische Topographie einer faszinierenden Region. Veska, auf staubigen Straßen fahrend und mit Hinz und Kunz redend und trinkend, wird zur Reiseführerin in ein von politischen Umwälzungen und brutaler Vergangenheit geprägtes Vielvölkerland. Wenn sie sich mit unterschiedlichsten Menschen zusammensetzt, ehemalige Fabrikarbeiter von der kommunistischen Vergangenheit erzählen und rustikale Witze reißen; wenn sie mit alten Frauen tratscht, die von patriarchalischer Gewalt Zeugnis ablegen und wirklich alles im Ort mitkriegen, formt sich ein vielstimmiger Chor, der an halbdokumentarisches cinema vérité erinnert.
Allerdings stellt dieser ausgesprochene Arthouse-Film nicht nur wegen seiner fast dreistündigen Länge für Zuschauer eine Herausforderung dar. Menschen verschwinden ohne Erklärung, Dialoge sind doppeldeutig und elliptisch und die bergige Gegend mit verlassenen Fabriken und schäbigen Häusern zwar atmosphärisch, oft aber einfach gottverlassen und trist. All das erzeugt zugleich eine enorme Intensität, die durch das moralische Dilemma der Heldin verstärkt wird: soll sie mit den Wölfen heulen, um ihre Mission durchzuführen?
»Das geträumte Abenteuer« von Valeska Grisebach