»Ghost School« von Seemab Gul

Die zehnjährige Rabia freut sich, nach den Ferien wieder zur Schule zu gehen. Doch in ihrem pakistanischen Dorf ist die einzige Schule geschlossen worden. Viele Kinder wären froh darüber, einige haben schon ihre Schulbücher verschenkt. Doch nicht so Rabia, die sich herausgefordert fühlt, alles zu unternehmen, um weiter lernen zu können. Sie will dem tristen Landleben entfliehen, das sie mit ihrer Mutter führt.

Der Wachposten vor dem zugesperrten Schulhaus behauptet, der Lehrer sei von einem bösen Geist besessen. Im Dorf geht das Gerücht um, die Dschinn treiben in der Schule ihr Unwesen. Rabia würde gerne in die offene Schule im nächsten Ort gehen. Aber die ist nur für Jungen.
Als sie zum Einkaufen geschickt wird, nutzt Rabia die Gelegenheit, die Wohnung des Lehrers ausfindig zu machen. Er habe seit vier Tagen Fieber, klagt er. Er werde das Dorf verlassen, denn wenn er weiter unterrichten wolle, müsse er dafür bezahlen. Dem Schulleiter gehören riesige Ländereien, er sei nur an Geld interessieren, das er für »Gefälligkeiten« verlange. Am Betrieb der Schule habe er kein Interesse.
Die Lehrer aus der Stadt würden ohnehin nicht für das Dorf taugen, sagt der Großgrundbesitzer, den Rabia als nächsten aufsucht. Vor dem Büro des stellvertretenden Bezirksvorstehers trifft sie auf eine Schar von zum Teil mehrere Tage Wartenden. Ihre Anliegen scheinen den Politiker nicht zu interessieren, auch die beharrliche Rabia wird abgewimmelt.
Der Film der pakistanischen Regisseurin, Autorin und Produzentin Seemab Gul, die in London lebt, zeichnet ein differenziertes Bild ihres Herkunft-Landes, das in zwei Klassen unterteilt ist. Nur die reiche Oberklasse schickt ihre Kinder in Privatschulen, wo sie eine akzeptable Ausbildung erhalten. Das haben die armen Männer, oft auch Analphabeten, schon durchschaut. Sie halten sich nicht für dumm und für klug genug, auf dem Markt mit Geld umgehen zu können. An ihre eigene Schulzeit erinnern sie sich nur mit Schaudern.
Konsequent werden die Zustände im Land aus männlicher Sicht gezeigt. Frauen spielen im öffentlichen Leben keine Rolle. Es sei denn, sie kommen aus der Oberschicht. Eine von ihnen nimmt Rabia ein Stück weit in ihrem Auto mit und bietet ihr sogar eine Art Adoption an. Allerdings soll sie dafür bei der reichen Dame die Hausarbeit verrichten, was schließlich von Rabias stolzer Mutter abgelehnt wird.
Der Clou des Films besteht aber in der Schilderung eines skandalösen Bildungsverhinderungssystems. Die Autorin Seemab Gul sagt in einem Statement, sie habe sich mit der systemischen Korruption im ländlichen Pakistan auseinandersetzen wollen. Hunderte sogenannter Geisterschulen existierten im Grunde nur auf dem Papier, und Millionen von Kindern hätten keinen Zugang zur Bildung. Die Gebäude stünden verlassen, während Beamte und Lehrkräfte weiterhin Gehälter beziehen. Ein Kreislauf aus Armut und Unwissenheit werde so aufrechterhalten. Ihre Schilderung aus der Perspektive eines Kindes folge dem legendären iranischen Kino, insbesondere Abbas Kiarostamis »Wo ist das Haus meines Freundes?«.
Dass die Regisseurin mit der erfahrenen Kinderdarstellerin Nazualiya Arsalan ein Mädchen auf eine Erkenntnisreise schickt, beruht auf der Schätzung, dass die Hälfte der afghanischen Mädchen weder lesen noch schreiben kann. Umso bemerkenswerter ist Rabias Beharrlichkeit, und außerdem dürfte dieser Aspekt bei der Finanzierung der internationalen Produktion geholfen haben.
Trotzdem ist »Ghost School« kein politisches Pamphlet, sondern ein geradezu poetischer Film über ein hierzulande unbekanntes Land geworden. Dessen staubig-karge Landschaft bietet dem Aberglauben eine fruchtbare Grundlage, und der Film findet auch eindrucksvolle Bilder dazu.

Claus Wecker / Foto: © jip Film & Verleih
>>> TRAILER
Am 5. 9. um 17.30 Uhr wird es im Mal Seh‘n Kino ein Filmgespräch mit der Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin Seemab Gul geben.
Ghost School
von Seemab Gul, PK/D/KSA 2025, 88 Min.
mit Nazualiya Arsalan, Samina Seher, Adnan Shah Tipu, Vajdaan Shah, Muhammad Zamaan, Muhammad Zayan
Drama
Start: 03.09.2026

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