Dieser Film hat mich überrascht, denn hinter seinem unscheinbaren Titel verbirgt sich die packende Geschichte von einem jungen Franco-Kanadier, der von einem Leben fernab der modernen Zivilisation träumt. Als er im südfranzösischen Arles aus dem Fenster seines Hotelzimmers blickt, wird Mathyas (Félix-Antoine Duval) klar, dass er genug hat von seinem Job als Werbetexter und nicht mehr nach Montreal zurückkehren will. Doch der Weg zum Schafhirten erweist sich für ihn als ebenso frustrierend wie befreiend.
Seine ersten Schritte lassen den realistischen Intellektuellen erkennen: In einem sonderbaren Geschäft, einer Mischung aus Antiquariat und Tante-Emma-Laden, kauft er einige Bücher zum Thema »Hirten« sowie ein praktisches Hirtenmesser und eine Dauerwurst. Auf dem Markt erwirbt er Schäferhut und -tasche, dann geht er, auf eine Anstellung hoffend, in ein Bistro, in dem sich die örtlichen Schafzüchter treffen, .
Dort wird der Neuankömmling erst einmal verspottet. Die Männer warnen ihn vor der harten Arbeit und verkünden die allgemeinen Ansichten über die Fähigkeiten, die ein Hirte brauche. Dass diese vor allem aus Geschicklichkeit und Erfahrung bestehen, lernt er bei seiner ersten Station. Der eigentlich recht sympathische Chef entlässt seinen Lehrling gleich wieder, nachdem er dessen umständliche Bemühungen gesehen hat, und bringt ihn zur nächsten Bushaltestelle.
Erst nach dieser Episode bemüht sich Mathyas um eine Arbeitserlaubnis in Frankreich. Doch die Verwaltungsbeamtin Élise (Solène Rigot mit Intellektuellen-Brille) erklärt ihm, dass er den betreffenden Antrag schon in Kanada hätte stellen müssen. Zwischen beiden scheint es allerdings gefunkt zu haben, und deshalb erhält der beharrlich weiter fragende Ausländer den inoffiziellen Rat, es doch einmal mit Schwarzarbeit zu versuchen.
Dass es bei den Bauern in der Provence mit der Liebe zu den Tieren nicht immer so weit her ist, lernt Mathyas von den rauen Gesellen an seiner nächsten Arbeitsstelle. Schafe sind für den alten Bauern und seinen marokkanischen Gehilfen das notwendige Übel zum Gelderwerb in ökonomisch schwierigen Zeiten. Die nervigen Hirtenhunde gehören eben dazu. In dieser angespannten Lage hofft die gutmütige Bäuerin, die Mathyas engagiert hat, er könne die Stimmung auf dem heruntergekommenen Gehöft etwas aufhellen.
Da kommt plötzlich Élise. Sie hat ihre sichere Stelle im Amt aufgegeben, denn der Drang zurück zur Natur à la Rousseau hat auch sie gepackt. Aber Unheil naht erneut: Als sich teuer erworbene Zuchtböcke weigern, die Schafe zu bespringen, und der vor Wut rasende Bauer Anstalten macht, die störrischen Tiere mit seinem Auto zu überfahren, ist für Mathyas das Maß voll. Er flieht mit Élise und einem der Hirtenhunde, nicht ohne sich bei der enttäuschten Bäuerin entschuldigt zu haben.
Doch die Erlösung aus den Niederungen des Schäfer-Daseins naht in Gestalt einer freundlichen Züchterin, deren große Herde in die Alpen getrieben werden soll. Sie sucht ein Schäfer-Paar, weil ein alleinstehender Schäfer sich als problematisch erwiesen hat. Sogar die sanftmütigen Schafe konnten nicht verhindern, dass sich ihr Hirte mit der Zeit einsam fühlte.
Nach den bedrückenden Verhältnissen, in denen Mathyas die Schattenseiten seines gewählten Berufs kennengelernt hat, weitet sich endlich der Horizont. Der Auftrieb in die Alpen erfüllt all die Sehnsüchte, die er und Élise bis dahin gehabt haben. Mathyas wird für seine Ausdauer und seinen freundlichen Optimismus, der ihn nicht abhanden gekommen ist, geradezu märchenhaft belohnt. Und auch das Kinopublikum kommt jetzt mit den grandiosen Naturaufnahmen des Kameramannes Vincent Gonneville auf seine Kosten.
Aber der harte Realismus des Films, den auch die mitwirkenden Laiendarsteller verstärken, trübt eine sich anbahnende Idylle. Auch dieser Aufgabe ist am Ende kein Erfolg beschieden. Sie hat aber die Erwartungen von Mathyas und Élise erfüllt, ihr Leben ist reicher geworden.
In der Verfilmung des autobiografischen Buches von Mathyas Lefebure, der auch am Drehbuch mitwirkte, hält die kanadischen Regisseurin Sophie Deraspe die religiöse Bedeutung des Themas deutlich im Hintergrund. In »Hirten« finden Hirte und Hirtin am Ende ihre Erlösung, wobei die ergreifende Film-Musik von Philippe Brault an klassische Vorbilder erinnert. Dass Mathyas bei der Verwirklichung seines Traums auf die harte Realität trifft, in der er abwechselnd seine Erfüllung und große Enttäuschungen erlebt, verhilft zu einer knapp zweistündigen Kino-Erfahrung, die ich jedenfalls so schnell nicht vergessen werde.
