Das Hessische Staatsballett tanzt »memento« jetzt in Wiesbaden

Lange hatte Tim Plegge darauf warten müssen, mit einer Uraufführung seinen Einstand auf seiner neuen Stelle als Hauschoreograf des Hessischen Staatsballetts geben zu können. Der gebürtige Berliner, der vormals auf dem Direktorensessel des Ensembles saß, hatte sich bereits zur vergangenen Spielzeit anders positioniert. Doch die Corona-Krise sorgte dafür, dass die Premiere zweimal verschoben werden musste. Im Oktober war es dann endlich so weit: »memento« wurde im Staatstheater Darmstadt gezeigt und ist nun auch in der zweiten Spielstätte der häuserübergreifenden Compagnie in Wiesbaden zu sehen. Passend zum Neuanfang schlägt Plegge mit dem 75 Minuten langen Werk ein neues Kapitel auf. Er entfernt sich damit von den eingängigen Handlungsballetten, für die er bislang bekannt war. Oder zumindest von dem, was man eine große, konkrete Geschichte nennt. Stattdessen finden sich viele kleine in dem Abend, den alle 25 Tänzerinnen und Tänzer der Truppe gemeinsam gestalten.
Plegge hat sie in zwei Hälften geteilt: Die einen wirken in ihren hautfarbenen Hemden und Hosen wie Feenwesen, durchsichtig und geschmeidig. Sie begegnen einander als Paare, erleben eine Phase des intensiven Miteinanders, um irgendwann wieder loszulassen. Die anderen sind düstere Schatten, schwarze, gesichtslose Gestalten, die mit der Dunkelheit des Hintergrundes verschwimmen. Sie mischen sich wie Boten der Vergänglichkeit bedrohlich unter die hell Gekleideten, brechen in deren scheinbar heile Welt ein und heben und tragen sie, als würden sie ihnen den Boden unter den Füßen wegreißen.
Dazwischen schiebt sich das Bühnenbild. Andreas Auerbach lässt gazeartige Stoffbahnen in immer wieder anderen Konstellationen von der Decke schweben, sodass sich Labyrinthe bilden und wieder auflösen. Das Weiß der Vorhänge dient auch als Projektionsfläche mit hohem Effektwert. Ein Tanzkörper bewegt sich davor, seine energetischen Posen bleiben wie schimmernde Negative hängen.
Durch diesen sich stetig verändernden Traum voller fein modellierter Ansichten hindurch wandelt wie ein roter Faden Klärchen (Ludmila Komkova). Anfangs geistert sie von flirrendem Funkeln begleitet durch die Masse, dann kehrt sie mit einem imposanten Kapuzenmantel aus Steppbettmaterial zurück. Ihr Charakter bleibt wie vieles in diesem wandlungsreichen, von Melancholie geprägten Spiel unkonkret, wie eine Erinnerung an Vergangenes, die sich nahtlos eingliedert in die alles beherrschende Stimmung von Wehmut und Abschied.
Max Richters Arrangement von Antonio Vivaldis »Vier Jahreszeiten« unterstreicht, live gespielt vom Staatsorchester, diesen Eindruck, der im Kreislauf des Lebens aber auch Hoffnung birgt. Textpassagen, mit verzerrter Stimme von der Schauspielerin Jana Schulz vorgetragen, ergänzen die Musik. Die Formulierungen werden, wie Puzzlestücke, immer wieder neu zusammengesetzt und lenken die Tänzer durch das Gewirr an Emotionen.
Kurz vor dem Ende bläht sich im Hintergrund ein riesiger Luftsack auf, der die Menschen verschluckt und wieder ausspuckt. In Anbetracht all des Sehenswerten zuvor ein durchaus entbehrlicher Zauber. Das, was Plegge bei seinem Neuansatz geschaffen hat, birgt schon vorher erfreulich viel Material für allerlei Assoziationen und lässt die Lust auf mehr nach langer Wartezeit beträchtlich wachsen.

Katja Sturm (Foto: © Regina Brocke)

Termine: 26. Februar 19.30 Uhr (weitere am 3., 12. und 16. März sowie im Juni und Juli)
www.staatstheater-wiesbaden.de

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