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Kein einführendes Entree, nein, gleich mitten hinein in die Schau der Sudanesin Amel Bashier wirft einen die neue Ausstellung im Zollamt des MMK. Es ist ihre erste Einzelausstellung in Deutschland. „The Essence of Life“ heisst sie, und was die Essenz des Lebens für die 1981 in Jeddah geborene Malerin ist, macht sie ganz unmissverständlich klar: die Frau, und überhaupt nichts und niemand sonst. Im damaligen Saudi-Arabien ihrer Kindheit verbot man Frauen Malen oder eine künstlerische Ausbildung, sie waren weitgehend rechtlos und spielten in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Insofern waren die Hürden hoch, die sie zu überwinden hatte, um ihren Traum von einem Kunststudium zu verwirklichen. Aber sie lebte auch im Sudan, ihre Mutter stammte aus Indien, ihr Vater aus Nubien. Und so wuchs sie auf in einem Kulturgeflecht aus patriarchalem Konservatismus und matriarchaler Kraft – in der nubischen Tradition gab es Königinnen und Kriegerinnen. Das ist der Boden, aus dem sie ihre Wurzeln zog, das ist ihre Heimat, vielfältig, reich an verschiedenen Sprachen und Kulturen. Und eben auch: Kriegen, Konflikten, Tragödien.
Der Riss zwischen öffentlicher Wirkmächtigkeit und der eigentlichen weiblichen Kraft, das Leben quasi im Verborgenen am Laufen zu halten, beschäftigte sie als Künstlerin sehr. Anschauungsmaterial bekam sie da genug geliefert: Frauen mögen in vielen Ländern gesellschaftlich und politisch unterrepräsentiert sein, ihre eigene Lebensgestaltung quasi zensiert, aber sie sind die eigentliche Schutzmacht des Daseins. Diese Ausstellung widmet sie allen Frauen, den Schwachen, den Starken und den Traurigen, den Geschändeten und den Müttern, den Frauen im Exil. Ihr Vorname Amel bedeutet Hoffnung, sagt sie, und grüne Pflanzenranken als Symbol der Hoffnung, des Weiterlebens unter schwierigsten Umständen, umschlingen, durchdringen viele ihrer farbensprühenden Gemälde. Ihre Kunstsprache beruht auf afrikanischen Traditionen, die sich in einer Welt der flächigen, stark stilisierten Darstellung bewegen, die Abwesenheit einer definierten Perspektive ist offen für expressionistisch – surrealistische, stark typisierende Menschendarstellungen. Manchmal denkt man bei ihren Arbeiten auch an Frida Kahlo, an ihren rankenden Herzen, an die Naturbezüge in ihren Porträts, an die Bedeutung von Kunsthandwerk, Schmuck, Kleidung.
Alle Gemälde hängen an langen Stangen von der Decke, bilden eine Art Labyrinth, durch das man seinen Weg sucht ohne eine ordnende Hand. Das erste Bild, „Women of the Cotton Fields“ aus dem Jahr 2026 setzt gleich ein Fanal: es ist Baumwollpflückerinnen gewidmet. Dieses hier ist ein Tableau aus rankenden Pflanzen mit kleinen weißen Baumwollblüten, aus denen Frauenkörper und Gesichter ragen, Hände sich erheben mit auffallend blütenweißen Fingernägeln. Die Frauen tragen weiße transparente Kleider, die ihre Brüste sehen lassen. Auf anderen Gemälden sind Frauen auch nackt abgebildet, was auf den ersten Blick verblüfft, aber Amel Bashier benutzt die Nacktheit der Frau nicht als Symbol ihrer Erdhaftigkeit oder gar ihrer Unschuld, sondern ganz im Gegenteil; ihrer Auffassung nach ist Nacktheit des Körpers die Wahrheit der Frau. Dieser Perspektivwechsel ist ungewohnt, und auch der Stoizismus, der stets gleichbleibend auf den Gesichtern der Frauen liegt, auch wenn die abgebildete Situation noch so widrig ist wie eine Flucht ins Exil. Bei „Letters from Exile“ denkt man als Erstes an ein Grab, so zusammen gedrängt ist der von einer Pflanzengirlande gerahmte Körper der Frau in einem Boot, einem Boot, das für viele Flüchtlinge aus Afrika ja auch zum Grab wurde. Doch hier schaukeln Papierschiffchen auf den dunkelblauen Wellen. Und die Hoffnung trägt.
Bashiers Technik ist außergewöhnlich: sie malt mit Acryl, aber auch mit Tinte, setzt die braune Hautfarbe ihrer Protagonistinnen aus winzigsten Pünktchen und Strichen zusammen. Und trotz ihrer oft abgeknickten Köpfe, ihrer unbequemen Positionen, ein Wanken gibt es bei ihren Frauen nicht.
