
Die Frau kann schreiben. Das hat sie hinlänglich bewiesen. Sie hat auch viel erlebt, viel erlitten und dafür eine Sprache gefunden. Und den verdienten Erfolg. Viele ihrer Romane waren für den Deutschen Buchpreis nominiert, einige sind sogar auf der Short-List gelandet. Vor allem ihre Trilogie »Das Mädchen«, »April« und »Jahre später« ist auch von der Kritik, mit guten Gründen, regelrecht gefeiert worden. Und der neue Roman spendet am Ende tatsächlich, was der Titel verspricht, nämlich Trost.
Rita, gerade in Rente, wohnt in ihrem kleinen Häuschen in Brandenburg auf dem Land, aber nicht weit von Berlin entfernt. Rita ist seit elf Jahren mit Joachim, der auf die siebzig zugeht, zusammen. Der einstige Musiklehrer ist allerdings emotional »unmusikalisch«. Für ihn ist wichtig, dass er als Rückzugsort noch über eine Wohnung in Berlin verfügt. Damit beginnt das Drama. Joachim hat sich gerade von Rita verabschiedet, als ihr eine Wespe in den Mund fliegt und sie in die Luftröhre sticht. Sie fällt erst in Ohnmacht, dann ins Koma. Obwohl ihr Nachbar Sperling sie bald darauf findet, ist ihre Sauerstoffversorgung schon zu lange unterbrochen. »Alle Hirnregionen sind bereits irreparabel geschädigt.« In den langen Monaten, die sie im Krankenhaus liegt, lernen wir ihre weit verzweigte Patchworkfamilie kennen.
Rita hatte, vorsichtig gesagt, keine schöne Kindheit. Mit sieben Jahren ist sie in ein Waisenhaus gekommen. Seitdem hat sie »Angst verlassen zu werden und so tut sie alles dafür, dass sie verlassen wird«. Joachim und Rita verstehen sich anfangs recht gut, »erst mit den Jahren schlich sich etwas Unversöhnliches ein und irgendwann schien Rita ihn nur noch auszuhalten«. Joachims Tochter Jane, aus seiner ersten Ehe, jetzt siebzehn Jahre alt, steht kurz vor dem Abitur. Rita und Jane mögen sich sehr. Sie ist in Ritas Haus groß geworden und scheint nun unter ihrer Abwesenheit am meisten zu leiden. »Sie sehnt sich nach Ritas Wärme, sie hat sich bei ihr geborgen gefühlt.« Also genau das, was ihr zu Hause fehlt. Eine wichtige Person für Jane ist auch ihre Klassenkameradin und Freundin Lea. Sie weiß genau, was sie will. Jane dagegen ist sich eher unsicher. Dazu kommen die Schwierigkeiten mit ihrer desinteressierten, trinkenden Mutter. Deshalb schmeißt sie kurz vorm Abitur alles hin. Angelika Klüssendorf hat, wie man deutlich sehen kann, nicht an Personal gespart. Da scheint das Leben auf dem Lande deutlich durch. Verwandtschaft und Nachbarschaft bilden einen engen Zusammenhang. Auch Janes Halbbruder Eric spielt eine Rolle. Er ist sechs Jahre älter als sie, inzwischen drogenfrei, aber mit einem kleinen Sohn in einer ziemlich komplizierten Beziehung. Ein guter Teil dieser großen Familie feiert Weihnachten zusammen, obwohl sie wissen, »es steckt eine wahre Kunst darin, sich während der Feiertage nicht durch ein falsches Wort erschüttern zu lassen«. Joachim ist mit Ritas Situation ziemlich überfordert. Er besucht sie eher widerwillig. Der Gedanke, »Rita soll eine Schlafende bleiben«, beruhigt ihn zwar, aber das wagt er nicht, sich einzugestehen.
Trost, so heißt der Roman. Ihm scheint es folgerichtig, dass auch er seinen Trost bekommt und zwar durch die Schwester des Nachbarn Sperling. Er verliebt sich regelrecht in diese für ihn noch junge Frau. Sie ist gerade erst vierzig geworden, ist lebensfroh und ermöglicht ihm noch einmal neu anzufangen. Er ist der Meinung, »er hat ein Recht auf Leben, auf Liebe« und findet es schön, »zurückzufallen in die Jugend und in ein irrationales Glücksverlangen«. Obwohl Angelika Klüssendorf die Einsamkeit, Entfremdung, Verlustangst des gesamten Personals eindringlich beschreibt, bleibt die (abwesende) Rita doch immer im Zentrum des Romans. Besonders Jane beunruhigt Ritas aussichtslose Situation. Sie kennt Ritas Wunsch, »ich möchte, wenn es nichts mehr zu reparieren gibt«, sterben. Jane sagt sich: »Ich sollte Rita befreien.«
Trost, der ist auch nötig, weil alle diese Figuren mit ihrer oft schwierigen Kindheit, ihren versagenden Eltern, ja überhaupt mit ihrem Leben zurechtkommen müssen.
Angelika Klüssendorf beschreibt ihr Personal mit einer klaren, stets schnörkellosen Sprache. Ohne jedes Pathos. Wie ein fernes Gewittergrollen ist in dieser Geschichte einer chaotischen, großen Familie aber auch etwas zu hören, was sich jenseits dieser kleinen Welt abspielt. Corona, der Krieg in der Ukraine. Ereignisse, die diese Menschen zusätzlich verunsichern, ihnen das Leben noch schwerer machen. weil sie das Leben nicht in den Griff bekommen. »Trost« heißt der kleine Roman, der es gekonnt mit unseren großen Problemen aufnimmt. Und zum Trost gibt es auch noch einen Epilog, der anzeigt, wie sich Leiden mindern, Ängste auflösen und Konflikte lösen lassen.
