Sechs Jahre nach »The Dead Don’t Die«, seinem Ausflug ins Zombie-Genre, kehrt der mittlerweile 72-jährige Jim Jarmusch zu einem von ihm besonders geschätzten Genre zurück: der verhaltenen Tragikomödie. In »Father Mother Sister Brother« erzählt er in drei Episoden von Familien und den Beziehungen zwischen und innerhalb der verschiedenen Generationen. Für dieses altersweise Werk erhielt er im letzten Jahr den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig.
Drei Episoden braucht Jarmusch, um die Distanz erwachsener Kinder zu ihren Eltern eindringlich darzustellen. Er schildert in den beiden ersten, wie oberflächlich das Verhältnis zwischen den Generationen geworden ist, wie bemüht die Nähe gesucht wird. Und dies nach einer Phase der bedingungslosen Liebe, als die Kinder noch klein waren. Als ob ihre Pubertät kein Ende gefunden hätte, scheinen sie immer noch mit der Abnabelung beschäftigt zu sein.
Recht erwachsen wirkt indes der von Adam Driver in »Father« gespielte Jeff. Er ist mit seiner Schwester Emily (Mayim Bialik) unterwegs zu dem abgelegenen Haus ihres alten Herren, grandios gespielt von Tom Waits. Schon auf der hervorragend komponierten Autofahrt durch das verschneite New Jersey wird klar, dass es sich nach längerer Pause um einen Pflichttermin handelt.
Ein paarmal wird an die Haustür geklopft, bis der verpeilte Daddy mit strubbeligem Haar öffnet, als wäre er gerade aus dem Mittagsschlaf geweckt worden. Jeff hat eine Kiste mit Lebensmitteln mitgebracht. Er unterstützt den Vater hin und wieder finanziell und steckt ihm beim Abschied etwas Geld zu. Auch wenn in der mühsamen Unterhaltung eine gemeinsame Basis gefunden wird, bleibt es – wie so oft bei Jarmusch – beim unverbindlichen Gerede. Im Regal entdeckt Emily Bücher von Wilhelm Reich und Noam Chomsky, und einmal, als der Vater mit einem Beil Holzhacken imitiert, bricht seine unterdrückte Aggression aus ihm heraus. Er sei schon früher ein seltsamer Mann gewesen, sind sich die Geschwister auf der Rückfahrt einig.
Amüsanter geht es bei den Damen in »Mother« zu. Charlotte Rampling spielt eine Bestsellerautorin, die in einem sorgsam gepflegten Haus in Dublin wohnt. Sie bekommt den jährlich anstehenden Besuch von ihren zwei Töchtern. Timothea (Cate Blanchett, bürgerlich schlicht zurecht gemacht) entspricht gut den Vorstellungen ihrer strengen Mutter, der Jarmusch manchmal einen Heiligenschein mit einer Lampe hinter ihr verpasst (nicht die einzigen ironischen Momente in dieser Episode). Dagegen ist Lilith (Vicky Krieps) eine flippige, stets neugierige Influencerin mit Geldproblemen. Zusammen bilden Mutter und Töchter ein eingespieltes Team, das von glänzenden Schauspielerinnen dargestellt wird.
»Sister Brother«, das letzte Kapitel, ist vor allem deswegen interessant, weil Jarmusch zeigt, wie das gegenseitige Vertrauen unter einem 30-jährigen Zwillingspaar zunimmt, nachdem ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Billy (Luka Sabbat) zeigt seiner Schwester Skye (Indya Moore) in Paris die ausgeräumte Stadtwohnung im repräsentativen Altbau. Anschließend fahren sie zu dem Lagerraum, den Billy mit den persönlichen Gegenständen der Eltern gefüllt hat. Sie sind zugleich Bürde und Quelle der Erinnerungen. Das, was von den Eltern geblieben ist.
Erneut dienen Autofahrten der Charakterisierung des Nachwuchses, und erneut tauchen Skater auf, »heutzutage wie Unkraut«, bemerkte Jeff am Anfang. Die Fahrten durch die eindrucksvollen Straßen sind eine Reminiszenz an Jarmuschs Pariser Zeit, als er die europäischen und die klassischen japanischen Filme in der Hauptstadt der Kinos kennenlernte. Nicht zuletzt die empathischen Familienfilme von Yasujiro Ozu dürften ihn diesmal inspiriert haben.
