Flucht in die Einsamkeit: »Die andere Seite« von Mariko Minoguchi

Mit Lena Stahl und Mariko Minoguchi zeigt es sich, dass sich zunehmend auch junge deutsche Regisseurinnen für Genrestoffe interessieren. »Corpus Delicti« und »Die andere Seite« wählen unterschiedliche Ansätze im Blick auf eine wenig einladende Zukunft – die Auswirkungen der Pandemie spielen im Hintergrund in beiden Werken eine Rolle.

»Corpus Delicti« nach Juli Zehs Theaterstück und Roman lehnt sich eine junge Wissenschaftlerin (Hannah Herzsprung) gegen ein Überwachungssystem mit der perfekten »Methode« auf, nachdem ihr Bruder aufgrund eines scheinbar unfehlbaren DNA-Tests unter Mordverdacht gerät. Der Stoff warnt vor distanzloser Obrigkeitsgläubigkeit und lückenloser Kontrolle des Individuums. Doch die interessantesten Charaktere des dialoglastigen Buchs fehlen in Lena Stahls Adaption oder wurden zu klischeehaften Figuren umgearbeitet.
Weitaus interessanter entwickelt sich »Die andere Seite«, der zweite Spielfilm der Münchner Regisseurin Mariko Minoguchi. Mit ihrem Debüt »Mein Ende. Dein Anfang« zum Thema Relativitätstheorie und ihren Beitrag »Dezember« aus der Miniserie »Zeit Verbrechen« war sie zweimal Gast im DFF – Deutsches Filminstitut/Filmmuseum. In ihrem neusten Werk wird der Zuschauer mitten hinein ins Geschehen geworfen. In karger Wildnis versucht eine angeschlagene Frau, mühsam zu überleben. Ihre Nahrung, ein gerade erlegter, gehäuteter Hase, verliert sie an die Hundemeute auf ihren Fersen. Zudem verschlechtert ihr auf der Flucht verletztes Bein die Situation zunehmend. Die Gehetzte entpuppt sich als Ärztin Hanna. Längst erweist es sich als unklar, wem ihrer Bekannten sie in Notsituationen überhaupt noch vertrauen kann.
Die ersten 20 Minuten kommen fast ohne Dialoge aus, während Radiomeldungen im Hintergrund spärliche Informationen liefern. Dafür trägt Nina Hoss’ Minenspiel zwischen Enttäuschung, Verbitterung, Schmerz und Hoffnung mühelos über die bewusst offenen Fragen.
Ein wenig lässt der Spannungsbogen nach, als im Mittelteil beim Gespräch mit einer isolierten Bäuerin die Hintergründe enthüllt werden: Infiziert mit einer tödlichen, übertragbaren Krankheit verursachte die gesuchte Ärztin unfreiwillig den Tod ihres Kindes. Der Weg nach Süden verspricht Freiheit. »Erste Regel: Abstand halten!«, heißt es bei ihrer Ankunft in einem verborgenen Lager. Das kennt man aus noch nicht lange vergangenen Zeiten. Als Dystopie wird die Pandemie in »Die andere Seite« vor imposanter Bergkulisse auf die Spitze getrieben. Polizei, Behörden und der wütende Mob greifen bei ihrer Menschenjagd zunehmend zu Gewalt.
Trauer, Mutterschaft und deren Verlust kristallisiert sich langsam als Thema heraus. Glücklicherweise taucht der weihevolle Score aus dem Trailer nur an einer Stelle auf. Ansonsten entgeht Minoguchi das dem Stoff innewohnende Pathos. In einer isolierten Gefahrensituation setzt sie allein auf Geräusche, Stimmen im Hintergrund und das verängstigte Augenpaar von Nina Hoss. Minoguchi kann es sich auch erlauben, gegen Ende die Perspektive auf eine schwarze Erzieherin von Hannas Sohns zu verlagern, die sich an das Kind allerdings nicht wirklich erinnern kann. Der Bruch mit Erwartungshaltungen wirkt letztlich mutiger als die vertrauten Bahnen, auf denen sich der handwerklich solide »Corpus Delicti« bewegt.

Gregor Papst / Foto: © Trimafilm / Felix Pflieger / X-Verleih
>>> TRAILER
Die andere Seite
von Mariko Minoguchi, D 2026, 106 Min., mit Nina Hoss, Precious Mariam Sanusi, Barbara Petritsch , Therese Affolter
Drama
Start: 22.10.2026

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