»Wild Horse Nine« von Martin McDonagh

Der Ire Martin McDonagh zählt zu den Regisseuren, bei denen jedes neue Werk mit Vorfreude erwartet wird. Das liegt einerseits daran, dass er sich zwischen seinen bisher sechs Spielfilmen vier bis fünf Jahre Zeit gelassen hat, und andererseits vor allem an seinen ausgeklügelten Drehbüchern, die von skurrilen Charakteren erzählen und neben schwarzem Humor auch deren tragische Seite offenlegen. Kurz gesagt: Er brilliert mit seinem irischen Humor.

Zu Beginn seines neuen Films setzt McDonagh auf Situationskomik. Seine beiden Protagonisten, die CIA-Agenten Chris (John Malkovich) und der jüngere Lee (Sam Rockwell), sollen 1973 den Staatsstreich gegen den gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende vorbereiten. Doch zuvor werden sie von ihrem Bürochef MJ (Steve Buscemi) in den Urlaub auf die entlegene Osterinsel im Südostpazifik geschickt. An der Loyalität von Chris wird gezweifelt, seit er mithilfe eines Diktafons an seinen Memoiren arbeitet, und Lee erhält den Auftrag, sämtliche Unterlagen verschwinden zu lassen.
Chris, der im Grunde längst pensioniert gehört, lebt in seinen Erinnerungen mit den vielen Toten, die er zu verantworten hat. Er habe Leute getötet in Ländern, die Lee nicht einmal buchstabieren könne, belehrt er ihn im Flugzeug. So beginnt »Wild Horse Nine« mit zynischen Dialogen und Spötteleien, die wir schon aus »In Bruges« (dt. Titel: »Brügge sehen … und sterben?«) kennen – seinerzeit von Brendan Gleeson und Colin Farrell vorgetragen.
Chris findet auch Gefallen daran, völlig Fremde mit seinen Aussagen zu schockieren. Vor allem, wenn er bezweifelt, dass Allende von allen Chilenen geliebt wird, oder wenn er deutlich vor einem bevorstehenden Putsch warnt. Ob sie CIA-Agenten seien, fragen die beiden Studentinnen (Mariana Di Girolamo und Ailín Salas). »Ja« sagt Chris grinsend, und Lee bestreitet das schnell.
Wenn wir erfahren, wie es wirklich um Chris bestellt ist, schlägt der Film einen ernsteren Ton an. Der altgediente Agent ist an Krebs im Endstadium erkrankt. Er spritzt sich Morphium und hat den Glauben an die amerikanischen Regierungen und die Rechtmäßigkeit seiner Tötungsaufträge verloren. Er bereut seine Missetaten und hofft, dass sie ihm vergeben werden.
Weil er einem schwer erträglichen Ende entgegensieht, bittet er Lee, ihn zu erschießen. Als Katholik sei ihm Selbstmord verboten, sagt er auf dessen Frage, warum er sich nicht selbst töten wolle. Am Ende seines Lebens will er seine Erlösung nicht mit einer unverzeihlichen Sünde verspielen.
Vor der selten gefilmten Kulisse der Osterinsel, deren Küste sich nur durch die eindrucksvollen Steinskulpturen der Moai von der irischen Westküste unterscheidet, verfestigt sich die Freundschaft der beiden Agenten. Und für Lee wird es immer schwerer, den Wunsch seines Kumpanen zu erfüllen.
Der Film nimmt Fahrt auf: Mittlerweile wird man im fernen CIA-Hauptquartier unruhig, hat doch Lee das belastende Material bei Chris immer noch nicht gefunden. Deshalb droht der aufgebrachte MJ, Lees entführte Ehefrau zu töten, wenn er seinen Auftrag nicht erfüllt. Er kommt selbst auf die Osterinsel und richtet dort ein blutiges Chaos an. Was mit der Ehefrau in den USA am Ende geschehen ist, lässt der Film offen.
Obwohl sich der etwas seichte Beginn in die Länge zieht, ist »Wild Horse Nine« wieder ein bemerkenswerter McDonagh-Film mit starken Darsteller-Leistungen geworden. John Malkovich verleiht seiner Figur Tiefe neben der bei ihm üblichen Originalität. Dafür bekam er in Venedig den Darstellerpreis. Sam Rockwell, der für die Rolle eines Rassisten in »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri«, McDonaghs bestem Film, mit dem Nebendarsteller-Oscar ausgezeichnet worden war, verabschiedet sich von diesem Image. Und Steve Buscemi glänzt als unsympathischer Chef, dem erneut die Dinge aus dem Ruder laufen.
Bleibt noch die Frage nach der Bedeutung des Titels: Wenn Chris und Lee ihren Motel-Bungalow Nr. 9 verlassen, begegnet ihnen eine kleine Herde von Wildpferden, unter ihnen eines, das sich besonders fürsorglich Chris zuwendet. Das ließ mich an Gullivers vierte Reise denken. Sie führt den unternehmungslustigen Gulliver in ein Reich, in dem die Pferde die intelligenten und mitfühlenden Wesen sind und die abstoßenden Menschen, die McDonaghs Landsmann Swift vor genau 300 Jahren »Yahoos« nannte, sich auf einem niedrigeren Entwicklungsstand befinden. Wie auch immer, die beiden Iren teilen sich jedenfalls einen speziellen Sinn für satirische Gesellschaftskritik.

Claus Wecker / Foto: © Searchlight Pictures
>>> TRAILER
Wild Horse Nine
von Martin McDonagh, GB/USA/RCH 2026, 118 Min.,
mit John Malkovich, Sam Rockwell, Steve Buscemi, Mariana Di Girólamo, Ailín Salas, Bastián Bodenhöfer
Komödie
Start: 12.11.2026

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