Freies Schauspiel Ensemble spielt »Arendt. Denken in finsteren Zeiten«

Vor vielen Jahren hat Reinhard Hinzpeter schon einmal ein Stück über den NS-Verbrecher Adolf Eichmann inszeniert. Heinar Kipphardts »Bruder Eichmann«, so der Titel, beschäftigte sich überwiegend mit dem Verhör des ehemaligen SS-Obersturmbannführers, bevor ihm 1961 in Jerusalem der Prozess gemacht und er zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Nun beleuchtet der Regisseur mit dem Freien Schauspiel Ensemble Frankfurt das Thema aus einem anderen Blickwinkel: »Arendt. Denken in finsteren Zeiten« von Rhea Leman wurde erst im vergangenen Jahr, zum 50. Todestag der deutsch-amerikanischen Publizistin jüdischer Herkunft, veröffentlicht. Als Reporterin der Zeitschrift »The New Yorker« begleitete Hannah Arendt die Gerichtsverhandlungen gegen Eichmann vor Ort und veröffentlichte dazu zwei Jahre später das Buch »Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen«.
Das Publikum im Titania begegnet der Protagonistin, dargestellt von Bettina Kaminski, als sie vor ihrer Auszeichnung mit dem renommierten Sonning-Preis in Dänemark 1975 in ihrem Hotelzimmer eine Rede verfasst. Auszüge daraus werden im Programmheft zu finden sein. Das Bett wird zum zentralen Element des Bühnenbildes von Linnan Zhang, als Ort, in dem sich Realitäten, Erinnerungen und Träume vermischen. Arendt spricht mit ihrem Mann Heinrich Blücher, der fünf Jahre zuvor verstorben ist. Sie diskutiert mit Gideon Hausner, dem Chefankläger des Eichmann-Prozesses. Der Angeklagte selbst sitzt auf einem Stuhl hinten im Raum, von wo aus er sich einmischt und das Gesagte kommentiert. Ives Pancera und Adrian Scherschel übernehmen die verschiedenen männlichen Rollen. Die zeitlichen Abläufe geraten durcheinander, sorgen so für Verwirrung und verändern die Sicht auf Ereignisse im Moment ihres Geschehens, in dem sie sich ursprünglich noch anders darstellten.
»Ich wollte der Figur Eichmanns noch mal auf den Grund gehen«, verrät Hinzpeter seine Motivation, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen. »Wir leben in einer Zeit, in der man sich wenig bemüht, etwas zu verstehen, bevor man sein Urteil darüber fällt.« Arendt sei da ganz anders gewesen. Sie schaute hin, hinterfragte und stieß in Tiefen vor.
Man lernt sie in der Inszenierung als Menschen kennen, ihre Art zu denken wird erkennbar, warum sie welche Entscheidungen fällt. Sie wird selbst zum Gegenstand der Kritik, zur Beschuldigten, die sich wehren muss. Für Hinzpeter ist sie derweil ein Vorbild. Weil sie eben nicht dieses Schwarz-Weiß-Denken präferiert, das seiner Meinung nach überhandgenommen hat, diese oberflächliche Einteilung in Freund und Feind, in Gut und Böse.
»Wir haben uns für das Stück erst im Oktober entschieden«, sagt Hinzpeter. Größeres, für das man mehr als drei Personen brauche, sei für das seit 1984 bestehende Ensemble nicht zu finanzieren. »Da sind wir sehr eingeschränkt«, sagt der Gründer mit Blick auf die schwierige Situation für die Kreativen, was die Kulturförderung angeht. Die Proben und das intensive Spiel der Schauspieler zeigen, dass das Publikum einen spannenden Abend erwarten darf, in dem es aber auch den Spiegel vorgehalten bekommt.

Katja Sturm / Foto: © Felix Holland
Termine: 7. (Premiere), 14., 20., 21. März, 20 Uhr
www.freiesschauspiel.de

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