Zwischen Psychodrama und Horrorkrimi schillernd, handelt dieser österreichisch-deutsche Film von einer Mutter, die mit ihrem Neugeborenen fremdelt und einem ungeheuerlichen Verdacht nachgeht. Sehenswert vor allem dank Marie Leuenberger auf den Spuren von »Rosemaries Baby«
Die vierzigjährige Julia hält endlich das langersehnte Baby in den Armen. Eigentlich müsste sie vor Freude außer sich sein, oder? Stattdessen erzeugt das rosige Menschlein eine unerklärliche Abwehr in ihr. Das Kinderkriegen ist in Märchen, Filmen und Realität ein irgendwie sagenumwobener Vorgang, geht es dabei doch buchstäblich ans Eingemachte. In diesem deutsch-österreichischen Drama wird ein ganzes Bündel von oft tabuisierten Themen rund um Frausein und Mutterschaft angetippt, beginnend mit der Schwierigkeit, überhaupt schwanger zu werden. Julia, eine gefeierte Dirigentin, und ihr Mann Georg haben sich nach vergeblichen Versuchen für eine experimentelle Behandlung in einer privaten und sehr schnieken Kinderwunschklinik entschieden.
Bei der Entbindung aber kommt es trotz der Versprechungen von Klinikleiter Dr. Vilfort zu Komplikationen. Kaum ist das Kind geboren, wird es, wegen angeblicher Sauerstoffunterversorgung, auch schon hastig weggeschafft. Als die frischgebackenen Eltern ihren Sprössling endlich mit nach Hause nehmen dürfen, versucht Julia sich mit dem kleinen Wesen anzufreunden. Statt durch Babygeschrei aber fühlt sie sich durch die von ihr als unheimlich empfundene Stille des Kindes gestresst. Mal spielt sie an seinem Ohr die Violine, mal kneift sie es, um es zum Weinen zu bringen, und ist dann von sich selbst entsetzt. Verstört beobachtet sie das übergriffige Verhalten ihrer Hebamme, die mit dem Kleinen innig kuschelt. Und weil auch die beruflichen Rivalinnen nicht schlafen, fürchtet Julia zudem einen Karriereknick. Ehemann Georg hält seine Frau, der es nicht gelingt, ihr Kind zu lieben, die es noch nicht mal schafft, ihm einen Namen zu geben, für hysterisch. Mit ein paar Pillen sollte sich diese postpartale Depression doch beheben lassen? Als Julia tatsächlich Unstimmigkeiten rund um die traumatische Geburt entdeckt, eskaliert die Situation.
Ist Julia hormonell aus dem Gleis geraten oder etwas Monströsem auf der Spur? Dass etwas faul ist, wird durch viele Indizien beglaubigt, könnte aber auch der verzerrten Wahrnehmung einer psychisch labilen Mutter geschuldet sein. Regisseurin Johanna Moder will sich nicht entscheiden zwischen Psychodrama und Horrorkrimi und verirrt sich gelegentlich in unlogischen Details. Doch die unheimliche Atmosphäre der Geschichte, in der sich der Alltag in einem Alptraum verwandelt, zieht einen in Bann. Zu Julias Nemesis wird Oberarzt Dr. Vilfort, zugleich Schwiegermuttertraum, Dr. Frankenstein, und autoritärer Halbgott in Weiß, der in seinem Sprechzimmer in einem Aquarium eine Axolotl-Amphibie hegt. Dieser gruselig-süße Schwanzlurch wird zum plakativen, aber starken Symbol für Julias Malaise. Marie Leuenberger, zurzeit auch in der Romanverfilmung »Stiller« zu sehen, erinnert an die Heldin in »Rosemaries Baby«. Auf beklemmende Weise demonstriert sie, wie eine zuvor selbstbewusste Frau sich als Mutter plötzlich in einer Situation des Ausgeliefertseins an Ärzte und nicht wirklich wohlmeinende andere Frauen wieder findet. Dabei, so deutet der Film an, wissen Mütter doch am besten, was mit ihrem Kind los ist.
