Im Club der alten Damen – Stewart O‘Nan neuer Roman »Abendlied«

Der Autor zählt zu den Großen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Der neue Roman ist bereits sein zwanzigster. O’Nan, in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren, aber in Boston aufgewachsen, hat den Bezug zu seiner Geburtsstadt nie verloren. Viele seiner, mittlerweile gut zwanzig Romane, spielen in dieser Gegend. O’Nan hat als Flugzeugingenieur gearbeitet, dann doch noch an der Cornell University Literaturwissenschaften studiert und gleich für seinen ersten Roman »Engel im Schnee« den William-Faulkner-Award (1993) erhalten. Er beobachtet genau. Er schreibt präzise. Die spektakuläre Handlung ist ihm weniger wichtig, obwohl eines seiner wichtigsten Bücher, »Der Zirkusbrand«, genau dieses dramatische Geschehen in Hartford, Connecticut, beschreibt.

Es ist schwer, ihr das klarzumachen. Sie will nicht. »Du kannst doch nicht den Rest deines Lebens nur in deiner Wohnung hocken.« Susie, mit 63 die jüngste in diesem Club, seit einigen Jahren geschieden, spricht mit ihrer Tochter über die Zukunft, spricht von den Skrupeln, sich noch einmal vor einem Mann auszuziehen. Um es kurz zu machen: es klappt. Irgendwann kann sie ihren Freundinnen von diesem Peter erzählen. Denn eigentlich geht es hier um den Humpty Dumpty Club, fünf ältere, sogar alte Frauen, die sich im Chor der Kirchengemeinde kennengelernt haben, sich regelmäßig treffen, zusammen Bridge spielen, und nun den Club als eine Art von privater Hilfsorganisation vor allem für sich selber nutzen.
Joan, mit 89 die älteste und eigentlich die Organisatorin dieser Truppe, ist gestürzt, liegt, mit mehreren Brüchen im Krankenhaus und profitiert jetzt von ihren Freundinnen. Der Club kümmert sich um jeden, der Hilfe braucht. Man fährt zum Arzt, geht Einkaufen, besucht sich gegenseitig im Krankenhaus. Es ist ein Club, der praktische Solidarität übt. Arlene, bereits Ende 80, ehemalige Lehrerin, ihr Mann Henry ist schon lange tot, befürchtet, dass sie ihr Gedächtnis verlieren wird. Emily, die auch schon lange allein lebt, ist eine echte Hundenärrin geworden. Kitzi, die älteste Freundin von Joan, hat noch einen Mann, aber der ist ziemlich krank, sodass sie sich immer überfordert fühlt. Susie, wie angedeutet, begibt sich auf Männersuche.
Kurz gesagt, es geht hier O’Nan um ein uramerikanisches Phänomen, dass durch die Bushs und zweimal Trump nicht nur in den Hintergrund gerückt ist, sondern vielleicht schon am Verschwinden ist. Praktische Nächstenliebe. Spontane Hilfsbereitschaft. Solidarität. O’Nan zeichnet ein Bild von einem Amerika, das, um es mit dem gebotenen Pathos zu sagen, vor der Gefahr steht, »seine Seele zu verlieren«. Möglicherweise hat er deshalb Heldinnen gewählt, die das Rentenalter bereits erreicht oder sogar schon weit überschritten haben. Was das konkret heißt, das wird in allen Einzelheiten beschrieben: Dem Club ist beispielsweise klar, dass Joan, immerhin neunundachtzig, nach dem Krankenhausaufenthalt nicht mehr in ihre alte Wohnung zurückkehren kann. Das heißt ihr großes Haus mit all den vielen Sachen muss aufgelöst werden. Wohin mit dem Kater Oscar?
In den fünfzig Kapiteln erfahren wir auch viel über den Umgang mit Tieren, über Hunde und ihre Eigenheiten, das spezielle Leben mit Katzen. Die Tage der alten Damen gehen dahin mit ganz alltäglichen Verrichtungen. Highlights sind die Treffen im Chor, der Besuch der Gottesdienste, Wohltätigkeitsveranstaltungen und natürlich Thanksgiving oder das Krippenspiel zu Weihnachten und die damit verbundenen Herausforderungen.
Im Vordergrund stehen dabei vor allem die Probleme, die das Altern so mit sich bringt: Krankheiten, Einsamkeit und Tod. »Wenn sich Arlene und Emily mit etwas auskannten, dann mit der Planung von Beerdigungen. (…) In der untersten Schublade von Emilys Sekretär umfassten ihre handschriftlichen Anweisungen zwölf Seiten, darunter auch eine immer kürzer werdende Gästeliste.« Stewart O’Nan entwickelt einen besonderen Blick auf den Prozess des Älterwerdens. Er entwickelt eine besondere Perspektive, immer erzählt er aus der Sicht seines Personals. Ohne Ironie, ohne jede Boshaftigkeit.
Er erweist sich einmal wieder als der Chronist seiner Herkunftsschicht, der amerikanischen Mittelklasse, die meist in kleinen Städten oder in den Vororten der Metropolen lebt. Diese Menschen sind engagiert, oft auch gläubig und traditionell orientiert. Sie praktizieren Nächstenliebe. Mag sein, dass er die Gruppe seiner Frauen etwas idealisiert. Es gibt keine Konkurrenz, kein böses Gerede, nur Unterstützung, emotionale Wärme und Hilfsbereitschaft. Weniger spektakulär als einst »Der Zirkusbrand«, dafür aber herzerwärmend und in gewisser Weise tröstlich.

Sigrid Lüdke-Haertel / Foto: © Patrice Normand/Leextra via opale.photo
Stewart O’Nan: »Abendlied«, Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2026, 352 S., 26 €

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert