Man kann sich nur schwer vorstellen, dass die jungen Mütter, die in ihrem neuen Film porträtiert werden, in Wirklichkeit Schauspielerinnen, Tänzerinnen und Sängerinnen sind. Sie hatten also mit den Sozialfällen, die der Film schildert, zunächst einmal nichts zu tun. Umso erstaunlicher ist ihr großartiger Auftritt, der wieder einmal beweist, dass eine Inszenierung realistischer wirken kann als ein filmisches Dokument.
Sie stellen minderjährige, alleinerziehende Mütter dar, die mit einer neuen Lebenslage klarkommen müssen. Denn die Teenager, selbst fast noch Kinder, haben sich irgendwann entschieden, ihre Schwangerschaft zu akzeptieren und ihr Kind auszutragen, obwohl ihnen stabile Beziehungen und finanzielle Mittel fehlen. Sie kommen aus prekären Verhältnissen, waren selbst oft ungewollte Kinder und sind von den ebenfalls jungen Vätern zumeist alleingelassen.
Mit ihren emotionalen Defiziten sehen sie sich einem Schicksal ausgeliefert, das sich von Generation zu Generation fortzupflanzen scheint. Dass ihr Weg zwar von der Gesellschaft gewollt, aber für sie persönlich zu einer Herausforderung geworden ist, davon handelt »Junge Mütter – Jeunes Mères«.
Zuerst begegnen wir der hochschwangeren Jessica (Babette Verbeek). Sie ist auf der Suche nach ihrer eigenen Mutter (India Hair), die alles unternommen hat, nicht von ihrer Tochter gefunden zu werden. Jessica wurde adoptiert und empfindet jetzt nach der Entbindung keine mütterlichen Gefühle. Tatkräftig setzt sie alles daran, von ihrer Mutter wenigstens im Nachhinein angenommen zu werden.
Die schwarze Perla (Lucie Laruelle) wird von ihrem weißen Freund verlassen, will es aber lange nicht wahrhaben. Ariane (Janaina Halloy Fokan) entschließt sich, ihre kleine Lili zur Adoption freizugeben, weil sie das Zusammenleben mit ihrer überforderten Mutter (Christelle Cornil), die unbedingt eine Familie zu dritt gründen will, nicht ertragen kann. Einzig die drogenabhängige, schon länger cleane Julie (Elsa Houben) hat mit Dylan (Jef Jacobs) einen Freund, der sie liebt und seine Vaterschaft akzeptiert. Sie erleidet dennoch einen lebensbedrohenden Rückfall in ihre Sucht, gerade als die gemeinsame Wohnungssuche zum Erfolg führt.
Die Dardennes wollten ursprünglich einen Film über eine Teenager-Mutter drehen, entdeckten aber im Verlauf ihrer Recherche ein Heim für junge Mütter in der Nähe von Lüttich. Dort sahen sie, wie die Frauen gemeinsam mit ihren Säuglingen wohnten und von Sozialarbeiterinnen und Medizinerinnen die vielen nötigen Handgriffe und gesellschaftlichen Strategien erlernten. Mit dem Ziel, für sich und ihr Kind Verantwortung zu übernehmen.
Jean-Pierre und Luc änderten daraufhin ihr Konzept, schilderten die Entwicklung gleich mehrerer Mütter, die sie abwechselnd verfolgten, und verliehen so dem Thema eine umso deutlichere soziale Dimension. Wie man das von ihnen gewohnt ist, bleibt die von Benoît Dervaux äußerst beweglich geführte Handkamera nah an den Personen.
Diese Form der Sozialkritik, die mit starker visueller Dynamik vorgetragen wird, macht ihre Dramen auch zu begehrten Festivalbeiträgen. Zu den vielen Preisen, mit denen sie speziell in Cannes ausgezeichnet worden sind, kamen im letzten Jahr der fürs Beste Drehbuch und der Preis der Ökumenischen Jury hinzu. Es ist zu wünschen, dass »Junge Mütter – Jeunes Mères« auch in den Kinos die Aufmerksamkeit findet, die der Film verdient hat.
»Junge Mütter – Jeunes Mères« von Jean-Pierre und Luc Dardenne