Staatstheater Mainz beeindruckt mit Anna Seghers »Das siebte Kreuz«

Neun Worte bilden die letzten beiden Sätze, die allen, die sie vernehmen, wie ein Donnerhall nachklingen: »Wir sind jetzt. Was jetzt geschieht, das geschieht uns«. Sie beschließen Anna Seghers 1942 erschienenen Roman »Das siebte Kreuz«. Und wie zum Beweis, dass der dort verhandelte Stoff um totalitäre Gewalt, Flucht und Widerstand keiner Aktualisierung bedarf, um in unser unsicher gewordenes Heute zu wirken, beschließen sie auch dessen jüngste Adaption auf der Bühne des Kleinen Hauses im Mainzer Staatstheater.
Diese Zeitlosigkeit kennzeichnet auch andere Werke der in der Bundesrepublik lange verpönten jüdischen Schriftstellerin und Kommunistin, die sich nach ihrem Exil in Mexiko für das andere Deutschland entschied. So ihren Roman »Transit«, den das Theater Willy Praml 2018 aufgriff und den Christian Petzold 2023 verfilmte. Auch Anselm Weber wählte »Das siebte Kreuz« gleich zu Beginn seiner Frankfurter Intendanz für seine erste Inszenierung im eigenen Haus – und das gewiss nicht nur wegen seines regionalen Bezugs.
Dass sich die Region lange schwer tat mit der 1900 in Mainz als Netty Reiling geborenen weltbekannten Autorin, sei nicht unerwähnt. 2002 erst widmete ihre Geburtsstadt Seghers unter dem Leitfaden »Vergessene Frauen« einen Platz, und erst 2023 wurde sie zur Ehrenbürgerin ernannt. In Frankfurt trägt, nicht minder peinlich, ein kümmerlicher Seitenweg ihren Namen: der zu den Finanz-Hochschulen am Alleenring führende Anna-Seghers-Pfad.
In der Mainzer Inszenierung von Alina Fluck spricht Kruna Savič diese Schlussätze. Als Erzählerin verkörpert sie die Autorin selbst und bleibt durchgängig präsent. Savičs sonore Stimme führt uns vor dem geschlossenen Vorhang in das Geschehen ein, bevor unter Sirenengeheul die Handlung losbricht: der Ausbruch des Kommunisten Georg Heisler und sechs seiner Mithäftlinge aus einem nahe Worms errichteten Konzentrationslager im Jahr 1937 und die Fahndung nach ihnen. Aus sieben gekappten Platanen lässt Lagerkommandant Fahrenberg daraufhin Folterkreuze zimmern. Nur eines bleibt am Ende leer.
Über sieben Tage und sieben Kapitel führt Seghers ihren Protagonisten über Dörfer an Rhein und Main nach Mainz und Frankfurt. Dabei zeichnet sie ein Gesellschaftsbild der Vorkriegsjahre unter der NS-Diktatur, das in all seinen Schattierungen die Haltungen der Menschen widerspiegelt. Der Gejagte wird auf seiner Flucht mit verängstigten, willfährigen, gleichgültigen, widerständigen und systemkonformen Zeitgenossen konfrontiert. Jeder Kontakt ist ein Wagnis um Leben und Tod – für beide Seiten. Dass Heisler dem grausamen Schicksal der sechs anderen Flüchtlingen entgeht, verdankt er einer fragilen Kette aus Glück, organisierten Widerstand und der Courage Einzelner. Ein Politthriller, der uns fragen lässt, in welcher Gruppe wir uns damals befunden hätten. Und wo wir uns morgen finden würden.
Auf der Bühne ist die Rolle des Georg Heisler dem großartigen David T. Meyer anvertraut, der die Lücke, die der zu den Kammerspielen München abgewanderte Charakterdarsteller Sebastian Brandes hier hinterließ, längst ebenbürtig geschlossen hat. Die übrigen 49 Rollen teilt sich das verbleibende siebenköpfige Ensemble (Vincent Doddema, Carlotta Hein, Stephanie Kämmer, Benjamin Kaygun, Klaus Köhler, Leandra Enders, Adrian Weinek) so konzentriert, dass man nie den Faden verliert. Figuren, wie Kayguns »Fahrer«, der sich ahnungslos stellend den gejagten Heisler durch eine Straßenkontrolle lotst, bleiben haften, auch wenn sie kaum mehr als eins, zwei Minuten erscheinen.
So entfaltet das Stück abseits aller schwarz gekleideten Nazi Schergen ein facettenreiches gesellschaftliches Spektrum von Typen, von denen der aus purer alter Freundschaft helfende Arbeiter Paul Röder (Weinek) und seine Frau Liesel (Hein), die sich mit den Verhältnissen durchaus arrangiert haben, zu den herausstechend gespielten Figuren gehören. Markant agieren auch Heislers Ex-Freundin Elli (Enders), die ins Visier des NS-Terrors gerät, und der bestialisch zu Tode gefolterte Wallau (Köhler). Trotz historisch stimmiger Ausstattung (Kostüme und Bühne: Marleen Johow), verzichtet die Inszenierung konsequent auf NS-Symbolik und spart konkrete Zeitbezüge weitgehend aus. Denn das, was dort geschieht, könnte überall geschehen, wo Diktaturen herrschen.
Marleen Johows Bühne präsentiert sich zweigeteilt: Eine betongraue Schräge – mal Wall, mal Damm, mal Mauer – trennt die obere, oft mit stimmungsvollen Licht- und Videoeffekten (Nadja Klinge, Lilli Pongartz, Paula Tschira) bespielte hintere Hälfte von der vorderen, die dem dialogischen Spiel dient. Doch mit einer gravierenden Ausnahme bleibt die Bühne weitgehend leer: im fahlen, gelblichen Licht senken sich sieben Baumstämme vom Schnürboden herab. Ein gruselig-suggestives Bild, das zum Glück nicht das Einzige ist, was von diesem aufwühlenden Abend in Erinnerung bleibt. Am Ende: hochverdienter, langanhaltender Applaus.

Winnie Geipert / Foto: © Andreas Etter
Termine: 18., 22. September, 19.30 Uhr
www.staatstheater-mainz.de

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