Von Tieren und dem Himmel – Staatstheater Mainz: »Sky Night« und »Im Mohnfeld«

»Im Mohnfeld«, © Andreas Etter

Es hat etwas Faszinierendes, wenn Menschen zu Tieren werden. Wenn sie ganz ohne aufwendiges Kostüm, nur mit dem Körper, animalische Wildheit ausdrücken oder die Eleganz der Katzen imitieren. Am Staatstheater Mainz ist das gerade in zwei völlig verschiedenen Stücken zu sehen. »Sky Night« von Joan Clevillé lädt die ganze Familie zum Träumen unterm Sternenhimmel ein, »Im Mohnfeld« von der aus Barcelona angereisten Choreographin Paloma Muñoz entfesselt einen furiosen, mitreißenden Bewegungsrausch, der am schnellen Ende, nach nicht mal einer Stunde, trotzdem weniger die gewohnt beeindruckend trainierten Mitglieder von tanzmainz als das bewundernde Publikum atemlos hinterlässt.
Dabei beginnt der Kraftakt im Kleinen Haus sehr poetisch. Schon beim Eintritt der Zuschauer lümmeln ein Mann und eine Frau vorne auf der Bühne herum. Sie, Daria Hlinkina, auf einem kleinen Rasenstück liegend, schaut, an ein zartes Phantasiewesen, eine Nymphe erinnernd, unruhig suchend und witternd herum. Er, Zachary Chant, in barockem, blauem Gehrock und mit Bundhosen, lehnt daneben lässig an der Wand, eine einzelne rote Blume in der Hand, die, dank Pfeilspitze am unteren Ende, beim späteren Werfen im Boden stecken bleiben wird. Zu Cembaloklängen beginnt sich das Duo aufeinander zu zu bewegen, mal höfisch, mal von Regeln entbunden. Unerschöpflich scheint der Quell, aus dem heraus die erstmals in der rheinland-pfälzischen Hauptstadt arbeitende Bewegungsschöpferin danach das aus acht Mitgliedern bestehende Ensemble nährt. Zu natürlichem Fiepen und Zwitschern kriechen und schleichen auf allen Vieren die anderen herbei, Kreaturen, die schwer zu deuten sind, aber bunte Kleidung, von Fernanda Jardi entworfen, tragen. Als sich der Charakter der Musik von Alejandro da Rocha ändert, bäumen sie sich auf. Bläser heben sie auf die Beine, eine Art Flamenco nimmt Formen an.
Dem turbulenten Tag folgt schlagartig die Nacht. Plötzlich ist es dunkel. Grünliche Augenpaare leuchten. Im aufkommenden, bläulichen Mondlicht widmet sich Paul Elie bei einem langgezogenen, ruhigen Solo intensiv seinem athletischen Body. Dahinter schälen sich allmählich auch die anderen wieder aus dem Schwarz heraus. Nur noch hautenge Trikots, die das Wichtigste verhüllen, tragen sie. Elektrobeats hämmern sich in die nackt wirkenden Gestalten hinein, lassen sie zucken wie im Club, schweißen sie zu einer bärenstarken Formation zusammen, drängen sie zu ritueller Synchronität, ohne dass den Individuen Energie flöten geht. Eher steigert sich das Stampfen der Unbändigen noch, walzt die Masse bedrohlich, bevor nach höchster Ekstase einfach Schluss ist. Die Beobachter jubeln nach diesem intensiven Ritt zu Recht.
Erholsam wirkt dagegen das U17-Stück, das sich mit der Magie beschäftigt, die wohl jeder und jede beim Blick in den Himmel verspürt. Das Sonnensystem ist mit heller Farbe auf den dunklen Boden gemalt. Auf der linken Seite der von Matthias Strahm ausgestatteten Bühne erhebt sich ein Bogen, auf dem es sich prächtig balancieren lässt, wie eine der fünf Tänzer:innen irgendwann beweist. Sie teilen ihre astronomischen Erfahrungen miteinander, in mehreren Kapiteln, in denen auch gesprochen wird. Sternzeichen werden anschaulich charakterisiert, mit ihren Eigenschaften, aber auch dem Verhalten, das man mit ihren lebendigen Symbolen verbindet. Da krabbelt der Skorpion, da gähnt genüsslich und wenig angriffslustig der Stier. Auch die Venus darf Einfluss ausüben. Es geht um Freundschaft und Zusammenhalt. Und darum, dass man unter dem größten Stern am Horizont auch Rihanna verstehen kann und sich klein fühlt. Christian Leveque, Shani Licht, Federico Longo, Lin van Kaam und Milena Wiese bilden ein herrlich amüsantes Quintett, begleiten ihre knappen Texte mit übertriebener Mimik, zeigen sich witzig, aber auch manchmal ein bisschen abgelenkt von den kosmischen Strömungen. Etwa als einer von ihnen, aus einer gemeinsamen Pose heraus, kopfüber fallengelassen wird, weil die anderen plötzlich verschwinden. Glücklicherweise tanzen sie auch viel. Das macht den unterhaltsamen Kurztrip in den Keller zur Musik von Luke Sutherland zu einer richtig runden Sache.

Katja Sturm / Foto: »Sky Night«, © Andreas Etter
Termine »Sky Night«: 7., 8., 12., 19., 20., 21., 29. Mai, 10.30 Uhr; 9. Mai, 18 Uhr; 18. Mai, 11 Uhr
Termine »Im Mohnfeld«: 3., 17. Mai, 18 Uhr; 5. Mai, 19.30 Uhr
www.staatstheater-mainz.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert