»Dog – Das Glück hat vier Pfoten« von Reid Carolin und Channing Tatum

Buddy oder Road Movie? »Dog« ist beides – und noch dazu ein amerikanischer Kriegsheimkehrerfilm. Wie alle Filme dieses Genres handelt auch dieser von den Schwierigkeiten, sich in der zivilen Welt wieder zurechtzufinden. Und von der entstandenen Distanz zwischen den Daheimgebliebenen und denjenigen, die für sie Leben und Gesundheit riskiert haben. Nur besteht in diesem Fall auch eine Distanz zwischen den beiden zurückkehrenden Protagonisten, denn einer von ihnen ist eine belgische Schäferhündin.

Nun ist ein Elitesoldat außer Diensten nicht gerade ein Hundeversteher und Lulu, die auf Kampfeinsätze trainiert und jahrelang im Militärdienst eingesetzt wurde, kein umgängliches Kuscheltier. Aber beide haben ähnliche Erfahrungen, sind auf eigene Art traumatisiert. Und so ist der Army Ranger Jackson Briggs, der von Channing Tatum als unter den Folgen einer Kopfverletzung leidender Veteran eindrucksvoll gegeben wird, auch keine schlechte Wahl für die Aufgabe, Lulu rechtzeitig zur Beerdigung ihres Hundführers zu bringen. Zumal alle drei in derselben Truppe gedient haben.
Als Belohnung lockt Briggs’ Rückkehr zu den Rangers, was seinem Leben wieder eine Struktur geben würde. Für Lulu wäre die Teilnahme an der Beerdigung ihre letzte Aufgabe. Denn sie hat schon mehrere Menschen, die sich ihr näherten, auf die Krankenstation befördert, gilt deshalb als nicht mehr »verwendbar« und soll eingeschläfert werden.
Einen Flug mit Lulu hält der kommandierende Offizier Jones (Luke Forbes) für allzu riskant. Deshalb fahren die beiden in einem Ford Bronco die US-Pazifikküste entlang ihrem südlichen Ziel entgegen. Es dauert eine Weile, bis Briggs seiner Reisegefährtin den Maulkorb abnehmen kann, ohne Gefahr zu laufen, gebissen zu werden. Denn Lulu sieht auch in ihm zunächst einmal einen Feind, den es zu bekämpfen gilt. Nur ist Lulu eben auch – wie fast alle Hunde – auf Menschen fixiert und für deren Zuwendung schließlich doch empfänglich.
Die Annäherung zwischen Mann und Hund und die Chance auf einen Neuanfang sind die Hauptthemen, die ganz besonders Channinng Tatum angeregt haben. Die Krebserkrankung seiner Hündin Lulu und eine Abschiedsreise mit ihr an der Pazifikküste haben ihn auf die Idee zu diesem Film gebracht.
Aber zusammen mit dem Drehbuchautor Reid Carolin ist er nicht bei den witzigen Situationen stehengeblieben, die sich aus dieser Buddy-Konstellation geradezu zwangsläufig ergeben. Sie bilden den komödiantisch unterhaltsamen Teil, der von der Wandlung zweier Figuren erzählt. Im gemeinsam geschriebenen Drehbuch und der gemeinsamen Inszenierung – es ist für beide die erste Regiearbeit – zeichnen die Filmemacher obendrein ein Bild der gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft.
Es ist nämlich besonders aufschlussreich, wie die Menschen auf das ungleiche Paar reagieren: Briggs’ Annäherungsversuche in einer Bar wirken antiquiert. Zwei alternative Frauen sind mehr von Lulu als von Briggs’ Männlichkeit fasziniert. Die Frau eines älteren Hippiepärchen, das eine illegale Cannabisfarm bewirtschaftet, weiß hervorragend mit Lulu umzugehen. Als Blinder mit Blindenhund erschleicht sich Briggs eine kostenlose Übernachtung im Luxushotel, was allerdings nach Lulus Attacke auf einen Araber im Knast endet.
Verhaltene Bewunderung für Briggs wechselt mit der Scheu, ihm ungezwungen zu begegnen, wenn sein Schicksal bekannt wird. Darin ähnelt »Dog« den klassischen Kriegsheimkehrerfilmen nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch die Gesellschaft ist mittlerweile heterogener geworden, die aktuellen Überseekriege sind nicht so präsent in den USA, und sie sind nicht mehr so eindeutig. Das überträgt sich auch auf den Film. Kein Pathos mehr, kaum ein Bonus für die Heimkehrer (Ausnahme: das Luxushotel), dem Veteran Briggs wird gar der Rucksack gestohlen, und Lulu muss ihn als Spürhund wieder finden. Das versöhnliche Ende lässt an »Paper Moon«, eines der schönsten Road Movies der Filmgeschichte, denken.

Claus Wecker (Foto: © Leonine Studios)

DOG
von Reid Carolin u. Channing Tatum, USA 2022, 101 Min.
mit Channing Tatum, Luke Forbes, Ethan Suplee, Kevin Nash, Jane Adams, Skyler JoyQ‘orianka Kilcher
Komödie
Start: 19.05.2022

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