»Andrea Chénier« am Staatstheater Darmstadt

Eine Revolutionsoper, inszeniert im Jahr 1994 in Berlin, mithin fünf Jahre nach dem Mauerfall. Selbst der berühmtesten Oper von Umberto Giordano (1867–1948), »Andrea Chénier« – uraufgeführt 1896 an der Mailänder Scala und am Darmstädter Staatstheater nun zu sehen in einer Übernahme der Inszenierung des einstmaligen Darmstädter Intendanten John Dew von der Deutschen Oper in Berlin – kommt ein Status als Rarität zu. Dabei ist sie in Anbetracht der verschwenderischen Italianitá der Melodien, dem Raffinement des Kolorits und der Triftigkeit des Librettos enorm bühnenwirksam. Offenbar ist die beträchtliche Affinität zu Puccini. Aus der Musik des Verismo, dessen Programm Opern »aus Fleisch und Blut« darstellten, sollte sich einige Jahrzehnte später die Filmmusik erhebliche stilistische Anleihen ziehen.
Nicht minder hollywoodreif erscheint der Plot: Das historische Phänomen der blutigen Wirrnisse der Französischen Revolution machen Giordano und der Librettist Luigi Illica am individuellen Schicksal einer ins Dramatische getriebenen Liebesgeschichte fest. Das „»Dramma di ambiente storico« lehnt sich lose an die Biografie des Dichters André Chénier (1762–1794) an. Der Wegbereiter der Romantik in Frankreich war zunächst ein Verfechter der Revolution, entwickelte er sich jedoch rasch zu einem Gegner des jakobinischen Gewaltregimes unter Robespierre. Die Figur der Aristokratentochter Maddalena indes, die um eines gemeinsamen Liebestods willen freiwillig gemeinsam mit Chénier das Schafott besteigt, ist Fiktion.
Ist an John Dews Inszenierung nun die Erfahrung von »1989« abzulesen? Allemal nicht dingfest, enthält Dew sich doch strikt einer offenkundigen »Aktualisierung«. Diese bildgewaltige Theaterarbeit könnte man wohl ebenso gut noch in weiteren dreißig Jahren spielen. Der Raum von Peter Sykora mit dem umlaufenden steinernen Spruchfries »Liberté, Egalité, Fraternité« ist von einer faschistisch-klobigen Monumentalität: Die Revolution hat ihre Werte verraten und sich in einer Herrschaft der Gewalt verloren. Während auf einem Podium der weltenthobene Adel in knallgrell bunten Barockkostümen von José-Manuel Vázquez Gesellschaftstänzen frönt, kriecht aus dem Schlund darunter das grau in grau gekleidete »einfache Volk« hervor. Bei der Gavotte hieven die Sansculotten das Podium in eine kritische Schieflage und jagen die Aristokratie mit Suppenschöpfern über die Bühne; eine Monumentalbüste des Schlächters Marat senkt sich herab.
Ungeachtet ihrer Bildkraft ist die Inszenierung mitnichten im Übermaß plakativ; die Handlung wird in einer packenden Unmittelbarkeit erzählt. Jedes Detail wirkt durchdacht. Hervorragend rundum die Ensembleleistung, bis in kleine Rollen wie dem Abbé von Jaewon Jung. Das Dirigat des Darmstädter Generalmusikdirektors Daniel Cohen beharrt nachdrücklich und klangfarbensatt auf dem melodiösen Reichtum der Musik; erstklassig präpariert präsentiert sich der von Guillaume Fauchère einstudierte Chor. Enttäuschend bleibt einzig Matthew Vickers in der Titelpartie. Zumindest am Abend der Darmstädter Premiere – terminiert auf den Tag der Deutschen Einheit – blieb der darstellerisch durchaus präsente Tenor stimmlich ohne hinreichende Leuchtkraft, um neben der dramatischen Dringlichkeit der Maddalena von Megan Marie Hart zu bestehen. Von einer phänomenalen Wucht, gesteigert in der Arie »Nemico della patria« im dritten Akt, ist der Carlo Gérard des Baritons Aris Argiris, der auch die poetischen Seiten dieser schmerzlich mit sich ringenden Figur greifbar macht. Seinethalben könnte man die Darmstädter Aufführung beinahe mit »Carlo Gérard« betiteln.

Stefan Michalzik / Foto: Nils Heck
Termin: 15. November, 16 Uhr
www.staatstheater-darmstadt.de

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