Wie funktioniert unsere Wahrnehmung der Natur? Können wir uns mit ihr zufrieden geben, oder sollten wir versuchen, ein neues Verständnis für die Welt der Pflanzen, speziell der Bäume zu gewinnen? Haben auch sie Gefühle? Gibt es sogar eine Art der Verständigung unter ihnen? Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi nähert sich den Fragen mit drei Erzählungen, die von wissenschaftlichen Versuchen in verschieden Epochen berichten und in entsprechender Technik gedreht wurden.
Nach dem Heranwachsen einer Pflanze am Anfang sehen wir den Neurowissenschaftler Tony Wong (Tony Leung Chiu-wai), der die Hirnströme eines Kleinkindes untersucht. Wir erfahren, dass sie sich von denen Erwachsener unterscheiden. Der aus Hongkong stammende Chinese sitzt während der Covid-Zeit mit einer Gastprofessur in Marburg fest, wo ein majestätischer Ginkgobaum im botanischen Garten der Universität seine Aufmerksamkeit erregt. Wie zuvor bei dem Baby bringt er an dem Baum Sensoren an, um auch dort Ströme zu registrieren. Weil er kein Botaniker ist, holt er sich von der angesehenen Französin Dr. Alice Sauvage (Léa Seydoux) übers Internet die nötige Expertise.
In einer weiteren Episode aus dem Jahr 1972 lernt der sensible Literaturstudent Hannes (Enzo Brumm) eine forsche Biologiestudentin kennen. Gundula (Marlene Burow) beschäftigt sich mit einem wissenschaftlichen Experiment: Sie untersucht mithilfe einer selbstgebauten Apparatur in einer Geranie elektrische Ströme, die sie wie bei einem Lügendetektor auf einem Papierstreifen dokumentiert. Die Geranie beherrscht nicht nur das Fensterbrett ihres Zimmers, sie ist auch der Mittelpunkt ihres Lebens, in dem der schüchterne Hannes den rechten Platz sucht.
Die dritte Erzählung handelt von einer Pionierin zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Grete (Luna Wedler, bekannt aus »Je suis Karl«), 1908 die erste Studentin an der Universität, erregt durch ihre Bemerkungen zur Sexualität der Pflanzen nach Carl von Linné den Unwillen ihrer Professoren. Nachdem sie auch noch den Zorn ihrer Vermieterin auf sich gezogen und ihr Zimmer verloren hat, entdeckt sie als Fotografin gewisse Muster an Pflanzen.
Regisseurin Enyedi zählt nach dem in Cannes mit einer Goldenen Kamera prämierten »Mein 20. Jahrhundert« und dem in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten »Körper und Seele« zu den Größen im europäischen Arthouse-Kino. Sie hat die drei Erzählstränge nicht hintereinander abgearbeitet, sondern in sich abwechselnden Portionen zusammengefügt. Teilweise überraschen die Übergänge, teilweise sind sie nur durch die unterschiedlichen Formate zu bemerken. So ist der historische Abschnitt im schwarz-weißen 35mm-Format gefilmt, farbig sind dagegen der 70er-Jahre-Strang im 16mm- und der aktuelle im Digital-Format.
Mit dieser Konstruktion erschafft Enyedi einen filmischen Raum, in dem das Interesse der Zuschauer immer wieder aufs Neue geweckt wird. (Das ist bei dem Thema und einer Länge von zweieinhalb Stunden keine Kleinigkeit.)
Es gelingt ihr zudem eine Wissenschaft, die nicht ihre Objekte töten muss, um sie zu untersuchen, mit einer transzendenten Weltsicht zu vereinen. So folgt sie den Spuren des Naturwissenschaftlers Fritjof Capra, der in Büchern wie »Das Tao der Physik« und »Lebensnetz – Ein neues Verständnis der lebendigen Welt« herkömmliche, westliche Naturwissenschaft mit fernöstlicher Philosophie zu vereinen versuchte.
Der Film geht auf eine Anregung des verstorbenen Produzenten Karl »Baumi« Baumgartner zurück, der seine Karriere im Frankfurter Harmonie-Kino begann und dem wir Meisterwerke von Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki und anderen verdanken. Er schlug der Regisseurin vor, einen Film über Pflanzen zu drehen, weil er wusste, dass sie diese mit anderen Augen betrachtet. Und tatsächlich hat sie einen Ginkgobaum zum zentralen Protagonisten gemacht und ihm den Titel gewidmet. Sie erzählt davon, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Und wenn er die Vorstellungswelt anderer Lebewesen nicht verstehen kann, sich nicht einzubilden braucht, dass sie nicht existiert. Wenigstens zu dieser Erkenntnis sind wir fähig.
