Befreiung ins Leben – »Little Trouble Girls« von Urška Djukić

Pubertätsblues und Coming of Age bieten das Material für etliche Filmgenres zwischen Klamauk, Drama, Horror und Exploitation. Fast nichts davon findet sich in dem slowenischen Film von Urška Djukić, und das macht die Sache schon einmal interessant. Es steckt ein wenig mythischer Glanz in diesem Film, der seine psychologische Geschichte immer wieder durch symbolische und traumhafte Bilder durchbricht. Vor allem aber ist die Nähe zu seiner Hauptfigur so ausgeprägt, dass der Film förmlich mit ihr zu einer magischen Biographie verschmilzt, ein Film in der ersten Person, einer der von innen heraus erzählt, aus dem Erleben eines Mädchens, das weder Autorität noch Leitbild für ihren Weg ins Leben hat. Und vermutlich – Achtung Spoiler – auch nicht braucht.

Lucija ist mit ihren 16 Jahren vielleicht ein wenig spät dran, was die körperliche und emotionale Entwicklung anbelangt, verglichen mit ihren Mitschülerinnen in einer katholischen Schule. Weder von den Lehrern noch von den Eltern ist da viel Verständnis zu erwarten; die Mutter verbietet ihr den Lippenstift, und vom Vater erfahren wir ohnehin nur, dass er vor dem Fernseher einschläft und schnarcht. Der Chor, in dem Lucija singt, wird auf eine mehrtägige Klausur-Probe in ein Kloster geschickt, und dort entwickelt sich so etwas wie eine umgekehrte »Teorema«-Situation für ihre erwachende Sexualität.
Die erste Option ist ihre neue Freundin Ana Maria, voll rebellischer Abenteuerlust und Sinnlichkeit. Immer wieder lockt sie Lucija in verfängliche Situationen, bringt ihr das Küssen bei, provoziert körperliche Berührung. Die zweite Variante offenbart sich beim Flaschendrehen, wo sie aufgefordert wird, das schönste Mädchen am Ort »leidenschaftlich« zu küssen. Und Lucija wählt keines der erwartungsvollen Mädchen, sondern eine Marienstatue, die ihr sonderbar ähnlich sieht, und der, recht symbolisch, bei den Restaurationsarbeiten im Nonnenkloster der rechte Arm abgebrochen wurde. Bei einem Gespräch mit einer der Nonnen wird diese Möglichkeit des zölibatär-sublimierten Lebens vertieft: Die Liebe der Menschen ist vergänglich, voller Verrat und Verlust, die Liebe Gottes aber ewig und unbedingt. Die dritte Option, die sich schon bei der Busfahrt angedeutet hat, ist sehr schlicht: ein Mann, der nackt im Fluss badet.
Nachdem sie sich zu ihrem Körper und zu ihrem Begehren bekannt hat, verliert Lucija ihre Stimme für den Chor. Dass es ausgerechnet der Chorleiter ist, dem sie sich in einer schlaflosen Nacht und bei Bach-Klaviermusik (mit zu viel Pedal gespielt) anvertraut hat, der sie zornig aus dem Kollektiv ausschließt, ist vielleicht der äußerlich dramatischste Augenblick in Lucijas Geschichte. Aber die letzten Szenen zeigen, dass es nun eben darum geht, nicht nur eine sexuelle, sondern auch eine autonome Person zu werden. Denn neben den drei sexuellen Möglichkeiten in dieser Geometrie der Liebe gibt es auch drei Formen der sozialen Gemeinschaft, die Lucija zu erproben hat: Der Chor als eine Zweckgemeinschaft, in der sich alles Einzelne dem Gesamtprojekt unterordnen soll, das Kloster als ebenso spirituelle wie praktische feminine Gegenwelt, in der die Nonnen gewohnt sind, auf sich selbst gestellt zu sein, und schließlich die mehr oder weniger geheime Komplizenschaft der Schülerinnen, in der sexuelle Erfahrungen und Identitäten getauscht werden. Diese drei Gemeinschaften verliert Lucija, indem sie sich selbst gewinnt. Alles in allem ist dies tatsächlich ein sehr katholischer Film, bis in die Bildsprache hinein, auch wenn es da vielleicht vor allem um eine Befreiung geht.
Urška Djukić hat bislang Animationsfilme und »hybride« Arbeiten geschaffen, und auch »Kaj ti je deklica« bedient sich immer wieder zeichenhafter Elemente, die das Geschehen reflektieren, und denen man allenfalls einen gewissen Hang zur Überdeutlichkeit nachsagen kann: Das beginnt mit dem Vagina-Mandala beim Titel, führt über wiederkehrende Einstellungen auf sich öffnende Blüten und eine Serie von Darstellungen der Jungfrau Maria bis zur Wasser-Metapher, die am Ende zu einer surrealen Szene der Neugeburt führt. Nicht nur wegen dieses Symbolspiels hat der ganze Film eine besondere lyrische Qualität. Ein Film-Gedicht über Erwachen und Befreiung. Ob das an einem speziellen »weiblichen Blick« liegt? Jedenfalls ist es ein zärtlicher und genauer Blick, den man, vermutlich, nicht ganz ohne autobiographischen Hintergrund hinkriegt.
Der Glücksfall des Films aber ist sicher die »Laiendarstellerin« Jara Sofija Ostan als Lucija, die Neugier und Skepsis der Figur ebenso perfekt wiedergibt wie sie jede melodramatische Überzeichnung vermeidet. Diese Person wird weder psycho-analysiert noch moralisch taxiert. Sie ist weder Heldin noch Opfer. Kein Muster, kein Vor-Bild und kein Ab-Bild. Sie ist einfach nur sie selbst. Und das ist schön genug, im Leben wie im Kino.

Georg Seeßlen
>>> TRAILER
Little Trouble Girls
von Urška Djukić, SLO/I/HR 2025, 89 Min.
mit Jara Sofija Ostan, Mina Švajger, Saša Tabaković, Nataša Burger, Saša Pavček, Staša Popovič
Drama
Start: 29.01.2026

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