Es flimmert auf den hohen Wänden des offenen Kubus. Verzerrte Bilder wie jene, die Thomas Newton durch den Kopf schwirren. Der Außerirdische ist einst auf dem Planeten Erde gelandet, um Wasser für seine eigene Heimat zu finden. Hier startet er eine erfolgreiche Karriere und sammelt Reichtum an. Doch die Rückkehr bleibt ihm verwehrt, und abgestoßen von der Kälte, die der unglücklich Verliebte zwischen den Menschen erlebt, verfällt er in selbst gewählter Isolation Wahn und Alkohol. Was in seinem Kopf vorgeht, das zeigt das Jukebox-Musical »Lazarus«. Eine wirre Geschichte nach dem Film »Der Mann, der vom Himmel fiel« von 1976 auf Basis des Romans von Walter Tevis. Der britische Musiker David Bowie übernahm damals die Hauptrolle. Das Rocktheaterstück, das er später zusammen mit dem irischen Dramatiker Enda Walsh dazu schrieb, dient aber vor allem dazu, 17 seiner Songs zu umranken. Ein Requiem, das der sterbende Star, der wenige Wochen nach der Uraufführung am 17. Dezember 2015 in New York einem Krebsleiden erlag, für sich selbst verfasste. Der Titel bezieht sich sowohl auf die biblische Figur, die der Schrift nach Jesus vom Tod wiedererweckte, als auch auf die Ballade von Bowies Abschiedsalbum »Blackstar«, die den wilden Ritt einleitet. Regisseur Sascha Hawemann hat den Fiebertraum nun für das Darmstädter Staatstheater inszeniert, als eine mehr als zweistündige, pausenlose Irrfahrt mit verblüffend starken Stimmen aus der Schauspielsparte und zahlreichen Reminiszenzen an Bowies Biografie. Da schiebt sich von hinten eine schwarze Limousine in den Raum, wie jene, die er aus dem Fundus der Kinoproduktion übernahm und mit der er dann selbst durch die Gegend kurvte. Darin sitzen, an Milchtüten nuckelnd, Frauen im weißen Style der Droogs aus »Clockwork Orange«, an Bowies Beziehung zu Regisseur Stanley Kubrick erinnernd, von dessen »Odyssee im Weltraum« er sich für sein eigenes Lied »Space Oddity« inspirieren ließ. Auffällig auch das ikonische, sich an den Beinen zu einer runden Sache ausbeulende, schwarze Kostüm mit silbernen Linien, das Hubert Schlemmer, mit roter Vokuhila-Frisur, als Ben trägt. Fans werden noch zahlreiche weitere Bezüge finden.
Sebastian Graf gibt den gebrochenen Protagonisten mit wechselhafter Klangfarbe, die zwischen Wärme und Rauheit ausschlägt. Laura Eichten verwirrt als namen- und selbst orientierungsloses Punk-Mädchen, das dem Heimwehkranken vorgaukelt, ihn mit einer Rakete zurück zu den Sternen schießen zu können. »This is not America« und »Life on Mars« moduliert sie in feiner Art. Aleksandra Kienitz putzt als Elly Newtons Wohnung, während dieser sich seinem großen Vorrat an Gin im Kühlschrank widmet und in diesem schon mal zur Hälfte verschwindet, und zofft sich mit dreckiger Röhre mit ihrem Hippie-Mann Zach (Thorsten Loeb) in der Waschküche. Ihr Duett mit dem dunklen Engel Valentine, »Absolute Beginners«, entfaltet große Kraft. Während vorne die kleine Band unter der Leitung von Alexander Xell Dafov mit klaren Vorgaben den Charakteren den Weg ebnet, produziert Videoartist Konrad Kästner auf der Bühne von Wolf Gutjahr kommentierende Bilder. Szenen mit Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj versetzen das Geschehen ins Heutige. Eine stringente Story findet sich zwar nicht, nur Reste eines roten Fadens lassen sich zusammenklauben. Doch wer dem Rat von Dramaturg Alexander Kohlmann aus der Einführung folgt und sich einlässt auf diese surreale Mischung, kann das Vermächtnis Bowies hautnah spüren.
Bowies Vermächtnis – »Lazarus« am Staatstheater Darmstadt