Das Staatstheater Mainz zeigt Deirdre Kinahans Emigrationsdrama »Refuge«

Das hat schon etwas sehr Verwegenes, ein derartig klamottig-naturalistisches Bühnenbild (Matthias Werner) an einem deutschen Staatstheater aufzufahren, wie das jetzt in Mainz geschieht. Wir blicken über von leichten Bodennebeln bedecktes Wiesengrün auf einen moosbewachsenen, knorrigen Baum vor zwei efeuumrankten Steintorbögen einer Burgruine. Auch die Kostüme von Lina Maria Stein bedienen jedes Klischee vom Irland alter Tage. Es ist eine Postkartenidylle – mit deutlichen Brüchen: Begleitet vom Rauschen eines Flusses und der Live-Musik von Steve Wickham (Geige/Klavier) entdeckt man im romantischen Ambiente auch Autoreifen und einen abgewrackten Herd.
Deirdre Kinahans Auftragswerk »Refuge« (Zuflucht) beleuchtet ein kaum bekanntes Kapitel der deutsch-irischen Geschichte: die erste Massenauswanderung des europäischen Kontinents. Angelockt von gezielten Anwerbungen der englischen Krone und vagen Gerüchten flüchteten allein im Jahr 1709 über zehntausend Menschen aus dem Südwesten Deutschlands vor Krieg, Hunger und religiöser Verfolgung, um in England und seinen Kolonien ein besseres Leben zu führen. Gut 3.000 dieser überwiegend protestantischen »Palatines« (Pfälzer) wurden von englischen Großgrundbesitzern als Pächter in Irland angesiedelt – und zu deren willigen Handlangern bei der Unterdrückung der rebellierenden katholischen Bevölkerung.
Die Autorin verknüpft den komplexen historischen Stoff mit einem hochaktuellen Drama: dem Schicksal des jungen Afghanen, der dem Taliban-Terror entgangen ist, nur um in Irland zum Opfer rechtsradikaler Gewalt zu werden. Ein Brückenschlag über drei Jahrhunderte, den die als unerlöster Geist fortlebende einstige Emigrantin Hannah (Hannah von Peinen) verkörpert, die selbst aus Verzweiflung Selbstmord beging, während der Performer und Choreografen Matthew Williamson als gesichtsloser »Schatten« das Unsichtbare zeigt: die Ängste und Sehnsüchte der Figuren.
Gemeinsam mit der irischen Travellerin Molly (Mary Murray) gelingt es Hannah, die selbst ihren Sohn Ludwig verloren hat, den jungen Paschtunen Zabi (Sabah Qalo) zu retten und zum Reden zu bringen, indem sie ihm im fortlaufenden Austausch ihre eigene Geschichte erzählt: die im Mittelpunkt der Aufführung stehende Tragödie einer pfälzischen Familie, die dort, wo sie ihr Glück gefunden glaubt, an den Verhältnissen zerbricht.
Jim Culletons Inszenierung fokussiert die beiden Triebkräfte des eskalierenden Untergangs: Hannahs tatkräftigen, gottesfürchtigen Gatten Peter (Holger Kraft) und den kantigen irischen Wilderer Sean (Aidan Kelly), im jeweiligen Zusammenspiel mit Hannah. Während der Ire seine rebellierenden Landsleute durch die sich abschottenden deutschen Einwanderer um Arbeit, Brot und Land gebracht sieht, bangt sein zunehmend verhärmter Widerpart um die eigene Existenz – und schließt sich am Ende gar der Miliz der Landlords an. Das liebevolle Verhältnis zwischen Hannah und Sean, die sich mit Herr Ireland und Lady Palatine anreden, gibt eine Ahnung davon, wie es anders sein könnte, wird aber abrupt von Peter beendet. Es geht nicht gut aus, für niemand.
Das mit der Fishamble-Theatergruppe aus Dublin koproduzierte Stück ist mit Darstellern von beiden Bühnen besetzt und wird Anfang Oktober auch in Irland gezeigt. In nur 80 Minuten entfaltet sich ein mehrsprachiges Drama, das hauptsächlich auf Englisch (mit Übertiteln), aber auch auf Gälisch, Deutsch und Pashtu stattfindet. Die poetischen Überhöhungen und ein nachgerade süßes Ende machen die jederzeit fesselnde, bewegende und »ganz verteufelt humane« Inszenierung zwar zu einer Gratwanderung am Rande des Pathos. Doch angesichts der emotionalen Wucht im Spiel der großartigen Hannah von Peinen und Aidan Kellys mitreißender Wortgewalt lässt man sich das gerne gefallen. Die hässlichen Probleme und die schwierige Suche nach ihren Lösungen laufen uns schließlich nicht weg.

Winnie Geipert / Foto: © Andreas Etter
Termine:
17., 20., 21. Oktober, 19.30 Uhr,
18.45 Einführung
www.staatstheater-mainz.com

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