»Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk« am Schauspiel Frankfurt

Mit dem Verfremdungseffekt treiben sie es wild an diesem Abend – und nehmen Brechts Theorie dabei zutiefst ernst. Verdun – Stalingrad – Bachmut: Drei Teile umfasst Jan-Christoph Gockels zusammen mit der Dramaturgin Katrin Spira konzipierte Inszenierung von »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk« nach dem Roman von Jaroslav Hašek aus den zwanziger Jahren und Brechts 1943 im amerikanischen Exil entstandenem Schweyk-Fragment am Frankfurter Schauspiel. Die Geschichte von Schwejk aus Hašeks Schelmenroman wird als Stummfilm erzählt – die Schauspieler auf der Bühne faken die ruckelnden Bewegungen. Die planvolle Lust am Theater und seiner Bildkraft wird diese Inszenierung auch die weiteren mehr als drei Stunden über tragen. Unterhaltsam ist dieser Abend, die Komik verharmlost nichts.
Von einer Eisenstein-monumentalen Bildwucht ist das gewaltige, an die historische Fehlkonstruktion »Dicke Bertha« angelehnte schwarze Kanonenmonstrum, das Julia Kurzweg auf die Drehbühne gesetzt hat. Die Soldaten mit ihren Pickelhauben und Schnauzbärten wirken, als seien sie den Originalillustrationen von Josef Lada entstiegen. Sie verschwinden in überdimensionalen Patronenhülsen – und werden buchstäblich zu Kanonenfutter gemacht.
Auftritt Adolf Hitler – zu Beginn des massiv eingestrichenen Brecht-Teils, als winzige Marionette, gebaut von Michael Pietsch, geführt und parodistisch »gehitlert« von Annie Nowak in der Rolle einer Conférencière. Wirkung und Größe muss ihm erst Leni Riefenstahl eintreiben. Puppen sind sie alle hier, von Janina Brinkmann gepackt in vorgeschnallte verwaschen grauschwarz-morbide Masken und Kostüme. Zeitgenössisch-frei der Umgang mit Hanns Eislers Originalliedern wie jenem von der Moldau; offenkundig die Nachwirkungen von Dagmar Krause in der Eisler-Interpretation. Auch hier wieder einiger Slapstick, etwa um den Hund, dessen Raub der SS-Scharführer Bullinger bei Schweyk in Auftrag gibt. Einzig der immer ein wenig über den Dingen stehende Schweyk im Trainingsanzug von Wolfram Koch ist nicht identitätsraubend-kollektivierend maskiert. Allesamt im Ensemble machen sie ihre Sache prächtig, ein Brillieren indes ist nicht gefragt. Auch von Koch nicht.
Am Rande rekurriert der Abend die westdeutsche Erstaufführung 1959 am Frankfurter Theater zu Zeiten des Kalten Krieges. Mit gutem Grund ein Riesenapplaus am Ende für den als Zeitzeuge befragten und per Video eingeblendeten Karlheinz Braun, einst Leiter des Suhrkamp Theaterverlags und nach dem legendären Aufstand der Lektoren führender Mitbegründer des Verlags der Autoren. Nazi-Mitläufer haben Nazis gespielt, so Braun, seinerzeit Regieassistent des inszenierenden Generalintendanten Harry Buckwitz; Diskussionen habe es im generalstabsmäßig organisierten Arbeitsprozess keine gegeben. Entgegen der Verfemung des »sowjetzonalen Literaturstars« im Westen hatte Buckwitz Frankfurt zu einer Brechtstadt gemacht – vom Widerspruch im Stadtrat etwa berichtet der mit 94 Jahren herrlich intellektuell vitale Braun in einer so aufschlussreichen wie anregenden Art. Ein großer Gewinn.
Dokumentarisch-stilisiert schließlich der dritte Teil um Schwejk in Bachmut, nach Gesprächen mit anonymisierten russischen Soldaten. Die Form ist offen, das ganze Ensemble ist nun Schwejk, in alltäglicher Kleidung, mit Anabel Möbius als Gesicht. Die Unbedingtheit der Gehorsamsforderung, ins Absurde getrieben von einem dem Trunk ergebenen Kommandanten, Soldatenschinderei und die Gräuel eines Schlachtfelds im Zeitalter des Drohnenkrieges, Überleben – und selber Töten, damit einhergehend die Frage der individuellen Täterschaft in einem Angriffskrieg: Über den Schrecken des Krieges öffentlich zu reden, so die Worte eines der Soldaten – das sei die wirksamste Sabotage.

Stefan Michalzik / Foto: © Arno Declair
Termine: 2., 5., 23. Oktober, 19 Uhr; 11. Oktober, 18 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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