Josef K. steht unter der Dusche, als seine Wohnung im geplanten Chaos versinkt. Wächter fallen ein, räumen die Möbel aus, reißen die Tapeten herunter. Als dann auch noch die Wände der Nasszelle entwendet werden, erfährt der überraschte Mieter, dass er verhaftet ist. Im Flur wartet die ganze Zeit über seine Vermieterin (Evelyn M. Faber): Mit Torte und Luftballons, die zusammen eine 30 ergeben, wollte sie doch einfach nur zum Geburtstag gratulieren, bevor sie im flackernden Licht der Flurlampe zur Voyeurin wird.
Spektakulär beginnt Mikheil Charkvianis Inszenierung von Franz Kafkas Romanfragment »Der Prozess« für das Kleine Haus des Wiesbadener Staatstheaters. Der Georgier stellt seiner Regiearbeit im Programmheft voran, dass er sich in dieser auf seine eigenen Erfahrungen als politischer Aktivist in einem repressiven Regime und jene von Freunden bezieht, die auch im Iran im Gefängnis sitzen, ohne zu wissen, was man ihnen vorwirft. Diese Aktualität spiegelt sich in der Nutzung modernster Techniken und Kommunikationsformen wider. Mitschnitte von Protestbewegungen flimmern über das Bühnenbild, K., den Jonas Grundner-Culemann als Durchschnittstypen mimt, chattet mit einer Freundin bei WhatsApp, und seine Brieftasche enthält neben dem Ausweis eine Giro-, eine Payback-Card und ein Deutschlandticket, das er, wie er betont, bezahlt hat. Aus diesem Grund dürfte er also nicht festgehalten werden, versichert er. Doch warum sonst?
Dass nur vier weitere Darsteller alle anderen Rollen spielen und diese sich ineinander verschieben, unterstreicht die Schwierigkeit des Beschuldigten zu unterscheiden, wem er womöglich trauen kann und wem nicht. Irgendwann bekommt er bestätigt, dass sowieso alle zum Gericht zählen, das ein Urteil gegen ihn spricht.
Anfangs darauf bedacht, alles richtig zu machen, um keinen weiteren Unwillen auf sich zu ziehen, resigniert der Protagonist zunehmend. Für sein Ausgeliefertsein findet Charkviani in dem anfänglichen Puppenhaus, das Till Kuhnert entworfen hat, beklemmende Bilder wie jenes, in dem sich der Angeklagte mit seinem Anzug an die Wand tackern lässt. Noch einmal entwischt er, weil er sein bisheriges Dasein in Form des Stoffes hinter sich lässt und sich einfügt in die Maschinerie, der er sich hilflos gegenübersieht. Doch bald wird er der Tatsache gewahr, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann ihm Schlimmstes angetan wird.
Um die Absurdität der Vorlage noch zu steigern, wendet Charkviani das Mittel des Slapsticks an. Der Advokat, der dem Angeklagten nicht wirklich beisteht, hängt minutenlang plappernd über einem Schreibtischcontainer. K. selbst bringt seinen ungebetenen Begleitern (Lasse Boje Haye Weber, Abdul Aziz Al Khayat) gekonnt einen Videodance bei. Den Gipfel des Grotesken bildet die Szene »Vor dem Gericht«, die wie eine verrückte Revuenummer mit Musikbegleitung (Erekle Getsadze) choreografiert ist. Man hätte sich den Abend vom Licht her düsterer und weniger turbulent vorgestellt; Charkviani hat sich für die Betonung der komischen Note entschieden und dabei übertrieben. Doch nicht nur die Überwachungskameras, die an der Decke hängen, und das Ungeziefer auf dem Fernsehbildschirm, das die ganze Zeit über an Kafkas »Verwandlung« erinnert, erzeugen auch eine nachhaltig bedrohliche Stimmung, die sich mit vielerlei Unrecht verbinden lässt.
»Der Prozess« am Staatstheater Wiesbaden