In diesem satirischen Drama, basierend auf einer wahren Geschichte, wird die parasitäre Freundschaft zwischen der reichsten Frau der Welt und einem Lebenskünstler nachgezeichnet – erneut ein glanzvoller Auftritt der französischen Sphinx Isabelle Huppert in der Rolle der Erbin eines Kosmetikimperiums, die sich in einer »folie à deux« zu verlieren droht
Madame hat Migräne und einen vollen Stundenplan. Morgens Treffen mit Ministern, dann die Aufsichtsratssitzung, in der sie ihren Managern die Meinung geigt. Anschließend muss sie auf Verlangen ihrer Tochter Frédérique ein Interview für ein Hochglanzmagazin zur Verbesserung der Marken-PR über sich ergehen lassen. Der von der Reporterin mitgebrachte Fotograf Pierre-Alain Fantin entpuppt sich als rotzfrecher Dampfplauderer, der Marianne Stilnachhilfe erteilt und ihr fotogen das Haar verwuschelt. Marianne findet diesen unverschämten Typ höchst amüsant. Zwischen der disziplinierten Firmenerbin und dem weit jüngeren, schwulen Bohémien entsteht eine Freundschaft, die sich zum gesellschaftlichen Skandal ausweitet.
Inspiriert ist diese Dramödie von der wahren Geschichte der Erbin des L‘Oréal-Kosmetikkonzerns Liliane Bettencourt, die ihrem Günstling, dem Fotografen François-Marie Banier, im Laufe der Jahre eine Milliarde Euro schenkte. Das Drehbuch orientiert sich stark an den authentischen Details. Auch das reale Vorbild des Lebenskünstlers war bekannt dafür, prominente Mäzene um den Finger zu wickeln. Im Mittelpunkt steht aber die Milliardärin, die als schöne, geschäftstüchtige und selbstbewusste Herrscherin eines Familienimperiums selbst eine Ausnahmefigur war. Ihr Leitstern ist ihr verstorbener Vater, während Ehemann Guy, Ex-Minister und Duzfreund von Präsident Mitterand, eine untergeordnete Rolle spielt, die graumäusige Tochter und ihr Mann sowieso. Doch die Familie hält zusammen und versucht unter dem Radar zu bleiben.
Wie nebenbei wird eine französische Oberschicht porträtiert, die um Himmelswillen nie protzig daherkommen will. Dass Marianne in jeder Szene ein neues Seidentuch trägt, ist das äußerste Zeichen ihres Reichtums. In dieser Welt der diskreten Strippenzieher und des dezenten Luxus hat der Dandy Fantin, der mit seinem jungen Lover lauten Sex hat und seine Gönnerin dazu bringt, eine Phallus-Skulptur im Salon aufzustellen, die Funktion einer Stinkbombe. Als Hausgast stochert er genüsslich in halb verheilten Wunden und spricht die vergangene Sünde der Kollaboration, Résistance und antisemitische Ressentiments an. Eine klassenkämpferische Note steuert der ergebene Hausdiener Jérôme bei, der, um den Mistkerl endlich loszuwerden, sich zu einer Tat entschließt, die ihm niemand dankt.
Anregend ist der Film vor allem als Psychogramm einer Frau, in deren Rolle man sich keine andere als die sphinxhafte Isabelle Huppert vorstellen mag. In einer Mischung aus Kaltschnäuzigkeit und heimlicher Einsamkeit lässt Marianne ihre allzu bourgeoisen Angehörigen links liegen und überschüttet den Schlawiner mit Geschenken. Fantin, mit explosivem Anarchocharme von Laurent Lafitte, einem ehemaligen Mitglied der Comédie Française, verkörpert, ist teures Hobby und Spielgeselle, mit dem sie ihren Verpflichtungen entflieht. Und vielleicht ist es die leicht perverse, destruktive Unterströmung in der Beziehung dieses duo infernale, die dieser merkwürdigen Fußnote der französischen Zeitgeschichte ihre spezielle Würze verleiht.
