Augenverblüffungen: »Shadows might dance«: Jessica Backhaus im FFF

Wieso sind jetzt ausgerechnet diese Kakteen, die in der Natur doch fast ausschließlich eine Grün-Ocker-Braun-Palette für sich beanspruchen, wieso sind die jetzt so schreiend pink? »Purple Cactus« schreit vor Pink, beziehungsweise purple, und das liegt in »The Nature of Things«, einer Serie, die die 1970 in Cuxhaven geborene Fotografin Jessica Backhaus 2022 bis 2024 konzipierte und dabei den Schwerpunkt auf alltägliche Dinge lenkte, die sie aber durchaus unalltäglich fotografierte, aus unüblichen Blickwinkeln, in sagenhaften Vergrößerungen, so dass spekuliert werden darf, um welchen Gegenstand es sich eigentlich handelt. Eine verborgene Poesie wohnt in diesen scheinbar unscheinbaren Dingen, die sie mit ihrem Blick zu entlocken versucht und mit der Kamera gleichzeitig verrätselt.
Mit Augenverblüffungen kennt sie sich aus, denn die Künstlerin ist alles andere als einspurig unterwegs. So zu sehen jetzt in einer Werkschau, die ihr das Fotografie Forum Frankfurt gewidmet und aus verschiedenen Schaffensphasen und Werkserien komponiert hat. Sie sind im Parcours chronologisch aufgebaut und bezeugen die Wandelbarkeit und Entwicklung der Fotografin. Ihre frühe Serie »Jesus and the Cherries« (2001–2005) spricht eine ganz andere Sprache als »The Nature of Things«, obwohl sich durchaus Verbindungslinien knüpfen lassen. Hier ist eine dokumentarische, zärtliche, mit dem Dargestellten verbundene Sprache, die durchaus Gefühle evoziert. Sie porträtiert Netno, ein kleines Dorf im polnischen ehemaligen Westpommern, und sie porträtiert es durch die Menschen, ihre Häuser, ihre Wohnungen, die Straßenzüge, die Landschaften. Sie verdichtet in einem Blick, zu einer Aussage. Die Bildkomposition ist hier bereits ungewöhnlich, mitunter verrutscht, und ein pinkes Kissen und ein hellgraues Sofa taugen sehr wohl zum Hauptgegenstand einer Aufnahme.
Später dann zieht Jessicas Backhaus für eine geraume (Lehr-)Zeit nach New York und arbeitet für verschiedene Fotografen, entwickelt aber auch eigene Projekte. Ihren Abschied aus Big Apple hat sie sehr schön inszeniert: Die Serie »Once, still and forever« (2009–2012) spricht davon. Es ist ein fotografisches Erinnern an bestimmte, mit Erinnerungen und Gefühlen aufgeladene Momente. Ein Stillleben aus Glasgegenständen, ein Blick aus ihrem Fenster, alles ausgesprochen stilisiert und persönlich.
Konnte man in ihren bisherigen Arbeiten trotz aller Abstraktion und Verfremdung Gegenständliches aufspüren, wird dies in ihren aktuelleren Werken immer stärker durch eine Bildsprache aufgelöst, die sich der Malerei annähert. Bei ihren Bildern und Collagen lässt sich gar nicht mehr ausmachen, dass es sich um Fotos handelt. Schattenbefrachtete tanzende Farbflächen in geometrischen Abstraktionen bieten ein einziges Assoziationsfeld, evoziert durch Sonnenreflexe, Lichtstrahlen, die auf Farbe treffen. Aus ihrem schier unerschöpflichen Fundus von Papieren in ganz unterschiedlichen Farben und Texturen, Oberflächen und Stärken setzt sie ihre Kompositionen zusammen und lässt sie von Sonnenlicht – malen – interpretieren? Nur wenn man ganz nah an die Werke herantritt, kann man Kanten der ausgeschnittenen Papiere erkennen. Diese neuesten Serien »Cut Outs«, „Papyrus“ leben von diesem Spiel zwischen Form, Farbe, Licht und Fläche, und ja, man kann durchaus sagen, dass »Shadows might dance«. Was exakt darauf zu sehen ist, das liegt im Ermessen jedes einzelnen Blicks.

Susanne Asal / Foto: Purple Cactus, 2024, From the series » The Nature of Things«, © Jessica Backhaus, 2026, courtesy of Robert Morat Galerie
Bis 26. April: Di.–So., 11–18 Uhr
www.fffrankfurt.org

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