Dreimal Septime Verlag mit Ute Cohen, Pascal Garnier und Sybille Ruge

Buchmessen-Monat Oktober ein Spotlicht Richtung Wien auf den Septime-Verlag. Klassischer Independent, klein und edel, 2009 gegründet. Verleger Jürgen Schütz, unterstützt von Lektorin Christie Jagenteufel, bringt pro Jahr ein knappes Dutzend Bücher heraus. Handsortiert, buchstäblich. Ewige Verdienste hat der Verlag sich mit dem Gesamtwerk der US-Amerikanerin James Tiptree Jr. gesichert.
Damit aber nicht genug. Eine in solch einem kleinen Verlag nicht hoch genug zu schätzende Treue gegenüber Autorinnen und Autoren beweist sich auch bei zwei weiteren Neuerscheinungen. Pascal Garnier (1949–2010) gibt als »der wahre Erbe von Georges Simenon«, jetzt in diesem Herbst ist bei Septime Band 7 seiner Noir-Romane erschienen: »Die Panda-Theorie«, mit 168 Seiten ein eher umfangreiches Buch für diesen Autor. Bei Garnier gibt es keine Polizisten, keine Detektive, nur die dunklen Abgründe des ganz normalen Alltags. Aus der Bahn geratene Lebenswege, radikal knapp, originell, präzise, subtil und poetisch mit kurzem Strich skizziert. Unerbittlich in der Zuspitzung, oft mit sehr eigenem, lakonisch-schwarzem Humor.
Das Leben ist eine Falle. Besonders der Kriminalroman – nun ja, eine bestimmte Form davon – singt uns davon ein Lied. Postboten, Automechaniker, Apotheker oder Bankräuber, Tankstellenbesitzer oder entflohene Sträflinge, untreue Ehemänner und Ehefrauen, Streunerinnen, Rächerinnen, Drifter, Gauner, »bad girls«, die üblichen Verdächtigen, bevölkern solche Romane und solche Filme. Und solche Finsternis. Hammetts »Bluternte« mitgerechnet ist es rund 100 Jahre her, seit das Genre solche Schatten werfen kann. Jean-Patrick Manchette verortet den Wendepunkt – der den klassischen Detektivroman ablöste und den harten, amoralischen Thriller begründete – in das Jahr 1939, nämlich zum Romandebüt des damals 32-jährigen James Hadley Chase. Mit »Keine Orchideen für Miss Blandish«, so proklamiert Manchette in seinen »Chroniques. Essays zum Roman noir«, hat James Hadley Chase »den Kriminalroman von der bloßen Detektivarbeit befreit und ihn in eine unbarmherzige Maschine des Schicksals verwandelt«.
Bereits der vierte Roman von Ute Cohen bei Septime ist »Willents Brut«. Die in Berlin lebende Schriftstellerin hat unter anderem kulturhistorische Bücher zur Kulinaristik (»Der Geschmack der Freiheit«), zum Begriff »Glamour« sowie einen Gesprächsband mit Ingrid Caven veröffentlicht. Ihr erster Roman »Satans Spielfeld« erschien 2017, blieb unverdientermaßen unter dem Radar – da vor den großen Missbrauchsdebatten erschienen. Auch »Willents Brut« führt nun wieder in die (fränkische) Provinz, schildert eine man möchte sagen: nichtjugendfreie Kindheit in den Sechzigerjahren, basiert auf wahren Begebenheiten und verwendet zum Teil der Autorin übergebene Original-Gefängnisbriefe.
Die von Ute Cohen, musikalisch gesprochen, sozusagen »mit Septimen in Oktaven« erzählte Geschwister-Geschichte ist hochgradig poetisch, steckt voll starker innerer Spannung, emotionalem Kontrast und einer tiefen Vielschichtigkeit, scheut keinen Abgrund. Ist radikal. Sie taucht uns in eine Welt, in der dem Nazi-Hetzer Julius Stürmer gehuldigt, im Dorf noch eine »Hitler-Glocke« mit der Inschrift »Alles für’s Vaterland – Adolf Hitler« geläutet wird und der Postbote auf einem Vaterland-Fahrrad (Fr. Herfeld Söhne, Neuenrade) daherkommt. Im Fernsehen kocht Max Inzinger, der Vater ist ein Prahlhans und gewalttätiger Haustyrann, die vier Kinder bleiben möglichst außer seines Grolls. Arne, der Jüngste und die Hauptfigur des Romans flüchtet sich in Mordphantasien gegen den Vater, wird Zeuge, wie der Alte über seine Schwester Hanne herfällt. Das familiäre Schweigen danach breitet sich im Haus wie ein zäher Ölteppich aus. Überhaupt strotzt dies Buch von großer Sinnlichkeit. Wird psychedelisch, wenn die jungen Opfer sich bei der Abnabelung teilweise in Rauschgift und Drogen flüchten. Ein starkes, hartes, schönes Buch.
Heftigen Biss – 9.500 Newton genauer, Rang 3 hinter Hai und Leistenkrokodil – haben auch die Alligatoren in den Everglades, zu denen uns Sybille Ruge in »Schwarzes Wasser« führt. Der Arbeitstitel für ihren dritten Roman lautete eigentlich »Faust III«, es geht um einen verschwunden Genforscher, um Biotechnik, um tierische Sensorenhaut und mittendrin die Reptilienexpertin Nicky Schneider. Um unterzutauchen heuert sie bei einer Zoohandlung namens »Pet du Jour« in Duisburg an, Haustiere sind eine Zukunftsbranche. Sybille Ruge, die uns mit »Davenport 160×90« eine aufregende Frankfurter Ermittlerin schenkte, dann mit »9mm Cut« das Schweizer Superreichen-Milieu vivisektierte, sprüht ihre Salzsäure in ihrem dritten Roman in Richtung Gentechnik, Erlösungswahn und Optimierungsgelüste.

Am Buchmesse-Freitag, 10. Oktober, liest sie beim Messefest des Septime-Verlags im Kunstverein Montez, Honselstraße 7, Frankfurt. Beginn: 19 Uhr.

Alf Mayer
– Pascal Garnier: Die Panda-Theorie Gebunden, 168 S., 22 €.
– Ute Cohen: Willents Brut. 216 S., 25 €.
– Sybille Ruge: Schwarzes Wasser. 216 S., 25 €.
Alle: Septime Verlag, Wien Herbst 2026.

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