Vielleicht macht man sich das nicht immer klar, aber das, was jetzt wieder im Museum Sinclair-Haus zu sehen und in diesem Fall auch zu hören ist, ist etwas, was man unter Umständen bald nicht mehr hört oder sieht. Oder vielleicht auch noch nie so gehört, so gesehen, so wahrgenommen hat. Es sind stets Grenzüberschreitungen, konzeptuell interdisziplinär angesiedelt in einem Raum zwischen Wissenschaft und Kunst. Sanft lenken sie die Aufmerksamkeit auf natürliche Phänomene, auf Phänomene in der Natur, und eigentlich liefern sie die besten Gründe, grün zu wählen und nicht nur zu denken. Und dabei sind sie kindgerecht ausgefeilt.
Auch dieses Mal, in dem es um Tierstimmen geht, überzeugt ihre vielgestaltige Herangehensweise. Eingestimmt werden wir durch eine Schwarz-Weiß-Fotoserie von Ylla, die sie 1936 im Londoner Zoo aufgenommen hatte. Das Nilpferd reißt seinen Rachen sperrangelweit auf, das Trampeltier legt seinen Kopf so weit in den Nacken, dass man um seine Halssehnen zu fürchten beginnt, das Zebra bleckt seine Zähne, dabei: sprechen sie nur. Sie kommunizieren. Vom Tierstimmenpionier Ludwig Koch aufgenommene Laute kann man sich per Knopfdruck passend einspielen lassen. Drei phantastische Soundscapes führen weiter in die Welt der Klänge, von der das menschliche Ohr nur eine Auswahl wahrnehmen kann, nicht den Infraschall der Vögel, Wale und Elefanten, nicht den Ultraschall der Fledermäuse. »Midnight in den Oasis«, »Forest Encounters« und »Weiher« sind sorgfältig komponierte Klanglandschaften aus Tierstimmen und Naturgeräuschen. Summen, Zirpen, Rauschen, Flügelschläge, Quaken, das vielstimmige Rufen der Fledermäuse verweben sich zu einem subtilen – und mitunter nicht so subtilen – Klangteppich. Dem zu lauschen ist einfach verzaubernd.
Es gibt aber auch noch viele weitere Wege, Tieren und ihren Stimmen, auch ihren leiblichen Reaktionen zu begegnen, wie es beispielsweise das Künstlerduo Fevered Sleep mit »Sheep Pig Goat« vorführt. Dabei bespielen sie Ziegen, Schafe und Schweine mit Saxophon und Kontrabass, improvisieren tänzerisch Begegnungen mit ihnen, beobachten ihre Annäherungen und ihren Rückzug. Dieses Projekt wird nicht weiter ausgeführt, es ist auf einem Video zu sehen.
Dass Wale singen, ist schon länger klar, aber komponieren sie auch? Dieser Frage ist Abigail Sanders nachgegangen, zu hören sind auch Auszüge von der LP »Songs of the Humpback Whale«, dem erfolgreichsten Tierstimmen-Album aller Zeiten.
Lustig wird es dann bei einem Frage-Antwort-Spiel mit einem simulierten Raben, »Corpus Corax«, eine KI gestützte interaktive Installation von Ars Electronica Futurelab. Man platziert sich ganz einfach einer Textkörper-Simulation gegenüber und beginnt dem Raben Fragen zu stellen, der wiederum antwortet mit einer gewissen Herablassung auf alles Menschliche – aus seiner Perspektive.
»Last Calls – Pink Noise« hat Alice Q. Hargrave ihre Installation genannt, die so zauberisch wie denkwürdig daherkommt. Es ist nicht nur ihre »Suffragette Conference of the Birds«, die sie den Gesängen weiblicher Vögel gewidmet hat. Nein, es ist der ganze, mit frei hängenden, zart-durchscheinenden Textilienbahnen behängte Raum, auf denen Spektrogramme, also grafische Darstellungen von Klängen, gedruckt sind. Die Farben orientieren sich am Erscheinungsbild der Vögel oder ihrer Lebensräume, dabei handelt es sich um Flamingos, Schneeeulen, Vögel der Prärie, deren Lebensräume und gleichermaßen auch sie bedroht sind. Ein Mahnmal. Für den hawaiianischen Kauai’Oo kommt diese Aufmerksamkeit zu spät, er ist mittlerweile ausgestorben. Alexander Liebermann hat seinem Gesang eine Partitur gewidmet. Und es gibt noch so viel mehr zu entdecken in dieser Schau.
Lauschen, zuhören, retten? Könnte/sollte das nicht zur Maxime werden? Das Sinclair Haus zumindest legt einen Pfad.
»Tierstimmen. Kontakt durch Klang.« Eine Ausstellung im Museum Sinclair-Haus