Dieser Dracula entspricht so ganz und gar nicht den Bildern, die sich ansonsten mit dem Titelhelden von Bram Stokers berühmtem Schauermärchen verbinden. Er ist kein eleganter Herr mit grauen Schläfen, kein in Verführungskünsten unschlagbarer Casanova. Nein, in der »Comedy of Terrors«, mit der das English Theatre Frankfurt die vergangene Saison beendet hat und nach der Sommerpause noch mal in seine neue Spielzeit startet, entpuppt sich der Blutsauger als Schönling und Narzisst in Lederklamotten, als Mucki-Mann und Fitnessfetischist, der Liegestütze pumpt, sobald er verlegen wird. Der Vampir, dargestellt vom jungen George North, der in dieser Rolle noch vor seinem Abschluss am Rose Bruford College debütierte, bettelt fast schon um ein bisschen Liebe und roten Saft. Da ist es ihm am Ende egal, welches Geschlecht darauf reagiert und das Ersehnte liefert. Genau so, wie es sich in einem genderfluiden Werk mit Travestieeinlagen gehört.
Der an dieser Stelle schon sehr erfahrene Regisseur Ewan Jones hat die schrille Version der Horrorgeschichte von Gordon Greenberg und Steve Rosen von 2023 im Keller des Gallileo-Turms als wildes Spektakel mit viel bissigem Witz und akrobatischem Slapstick inszeniert. Donnerhall, Blitze und Regen dürfen da naturgemäß nicht fehlen. Doch ansonsten wird einiges Traditionelle in der Story auf den Kopf gestellt. Nur vier Akteure teilen sich die Rollen der Figuren, die es mit dem Sargbewohner zu tun bekommen: Shaun McCourt mimt den ängstlichen Finanzexperten Jonathan Harker, der den gefürchteten Grafen zu Beginn auf seinem Schloss besucht und entgegen aller Prophezeiungen wieder zurückkehrt. Allerdings nicht, ohne diesen im Schlepptau zu haben. Briana Kelly, auch eine Wiedergängerin an diesem Ort, stellt seine attraktive und mutige Verlobte Lucy dar.
Joseph Beach taucht mal als ihr Vater Dr. Westfeldt, mal als dessen gruseliger Patient Renfield auf, wofür er manches Mal nur sichtbar die Perücke tauscht. Der sexistische Seelenklempner kann es nicht fassen, dass der berüchtigte Vampirjäger Van Helsing in diesem Fall eine Frau ist, in die er sich aber später mächtig verknallt. Liam Huband übernimmt diese Aufgabe in Korsett und mit harter, strenger Tonlage, darf aber auch Lucys nicht wirklich attraktiver Schwester Mina Aussehen und Stimme geben, die sich, weil sie sonst niemand haben will, ohne Scham an den neuen Gast im Haus heranschmeißt und dessen erstes Opfer wird.
Begleitet wird all dies unter anderem vom Pianisten und musikalischen Leiter Mal Hall, der in einer Nische halb sichtbar die Tasten bedient. Das ist eine weitere Finesse der Aufführung, dass die Akteure selten ganz hinter den gewollt altmodischen Kulissen von Sophia Pardon verschwinden, auch wenn sie sich kurz aus dem Mittelpunkt des Geschehens zurückziehen.
Auf dem Flug von Transsilvanien nach London bleibt kaum Zeit zum Atemholen, so sehr werden beim Zuschauen die Lachmuskeln strapaziert. Die Pointen sitzen perfekt, der Abend sprüht vor kreativen Einfällen. Zu diesem verrückten Tanz der Vampire lässt man sich gerne bitten.
Ein wildes Spektakel – »Dracula« am English Theatre