Burgfestspiele Bad Vilbel »Wie im Himmel«

Einige singen zusammen im Kirchenchor, doch wirklich harmonisch geht es in dem schwedischen Dorf Ljusåker nicht zu. Hinter den Holzfassaden verbirgt sich manches Drama, über das die Gemeinschaft hinwegsieht, um den Frieden nicht zu stören. So wird Gabriella (Hanna Mall) von ihrem eifersüchtigen Mann Conny (Markus Düllmann) getriezt und geschlagen, die Ehe des bigotten Pfarrers (Emanuel Jessel) mit der eigentlich resoluten Inger (Sonja Herrmann) ist schon lange kaputt, und Wichtigtuer Arne (Stefan Kiefer) macht sich ständig auf respekt- und rücksichtslose Art über den dicklichen Holmfrid (Björn Geske) oder auch den geistig beeinträchtigten Tore (Lukas Schwedeck) lustig. Da kommt, nach einem Zusammenbruch, Stardirigent Daniel Daréus (Gerd Achilles) in das Kaff, in dem er selbst als kleiner Junge gehänselt wurde, wo ihn aber niemand mehr erkennt. Obwohl er ursprünglich für sich bleiben und der Musik vorerst den Rücken zukehren will, übernimmt er schon bald die Gesangstruppe und findet nicht nur in ihr und bei der fröhlichen, offenen Lena (Lena Poppe) das, was er schon so lange suchte: Er sorgt mit seinen Methoden auch für einen Wandel, der das Leben vieler durcheinander und in neue Ordnung bringt.
»Wie im Himmel«, so der Titel der Geschichte, wurde 2004 von Regisseur Kay Pollak verfilmt und war damals sogar in der Kategorie »Bester fremdsprachiger Film« für einen Oscar nominiert. 14 Jahre später entstand aus der Vorlage ein Musical mit Stücken von Fredrik Kempe und Carin Pollak, das nun, als letzte große Premiere dieses Sommers, zum Programm der Bad Vilbeler Burgfestspiele zählt. In seine Inszenierung hat Christian H. Voss einen Projektchor aus Laien eingebaut, die die gewohnt guten Stimmen im zweiten Teil nach der Pause verstärken und die Macht der Musik, um die es hier geht, damit hörbar wachsen lassen. Zum spielfreudigen Ensemble zählt Andrea Spatzek, die vielen als Gabi aus der ARD-Serie »Lindenstraße« bekannt ist. Hier erlebt sie als Seniorin Olga eine späte Zuneigung.
In der gespaltenen Kulisse von Oliver Kostecka, die, in hellem, skandinavischen Stil entworfen und einfach eingerichtet, sowohl als alte Dorfschule wie als Gemeindesaal dient, entfaltet sich ein Abend, in dem zur Live-Musik der Band unter Leitung von Philipp Polzin durch die Vielfalt an Klängen zahlreiche Emotionen heraufbeschworen werden. Wofür es im Film keine Worte gab, was die Mimik der Schauspieler, vor allem jene von Hauptdarsteller Mikael Nyqvist, allein ausdrücken musste, wird nun besungen. Die begrenzte Zeit lässt es nicht zu, die Charaktere noch besser kennenzulernen; auch die Vorgeschichte des scheinbar fremden Rückkehrers wird zu Beginn nur kurz über Geräusche und Stimmen aus dem Off geschildert. Es hilft deshalb, sie schon zu kennen. Doch das Publikum in der Wasserburg stört sich nicht an der fehlenden Tiefe und auch nicht an den etwas steifen Choreografien von Kerstin Ried und zeigt sich bei der Premiere ergriffen. Es ist aber auch wirklich schön und berührend, wie die individuellen Töne, die vom Könner aus den Figuren herausgelockt werden, in die Nacht hinaus schweben.

Katja Sturm / Foto: © Eugen Sommer
Termine: 1., 3., 14., 15., 21., 22. August, 20.15 Uhr, 3., 16., 23. August, 18.15 Uhr
www.kultur-bad-vilbel.de

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